Sender zieht Notbremse

MDR-Debatte zu Chemnitz mutiert zu einem Skandal - „offenbar bekennender Neonazi“ eingeladen

+
In Chemnitz kam es nach einem Tötungsdelikt im vergangenen Jahr zu Protesten und Ausschreitungen.

Begleitend zu einer neuen Dokumentation wollte der MDR eine Diskussionsrunde veranstalten. Doch nach heftiger Kritik macht der Sender einen Rückzieher.

Chemnitz - Mit einer Polit-Diskussion wollte der MDR eine Reportage zu den Folgen der Ausschreitungen von Chemnitz bewerben - doch die Runde mutiert nun selbst zum Skandal. Denn eingeladen war auch ein Teilnehmer vom äußersten rechten Rand. Nach empörten Absagen einiger anderer Geladener stampfte der Sender seine Pläne ein.

Der Film „MDR Reportage: Chemnitz - Ein Jahr danach“ soll in der kommenden Woche vorgestellt werden. Darin geht es um die Veränderungen, die die Aufmärsche der rechten Szene im vergangenen Jahr nach sich gezogen haben. Damals war ein junger Deutscher getötet worden. Der mutmaßliche Täter soll ein Flüchtling gewesen sein. Den anschließenden Demonstrationen hatten sich hunderte Menschen angeschlossen. Teilweise war sogar von 2000 Personen die Rede. Die Dokumentation geht der Frage nach, wie es derzeit um die Stadtgesellschaft steht. Schließlich gilt Chemnitz als Hotspot für Rassisten, wie unter anderem Merkur.de* berichtet.

„Chemnitz - Ein Jahr danach“: Diskussion mit Oberbürgermeisterin und Neonazi geplant

Für Donnerstag, den 22. August, plant der MDR eine öffentliche Aufführung des Films in einem Kino. Die Zuschauer sollten allerdings mit der Aufführung des Films nicht alleine gelassen werden. Im Anschluss sollte eine Diskussionsrunde mit Politikern stattfinden - so war jedenfalls der Plan der öffentlich-rechtlichen Anstalt. Angekündigt waren als Gäste die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD), Margarete Rödel (Grüne Jugend), Arthur Österle (AfD), Prof. Dr. Olfa Kanoun (Technische Universität Chemnitz) sowie Wolf-Dieter Jacobi (Programmdirektor des MDR).

An der geplanten Teilnehme des AfD-Politikers Österle störten sich viele Beobachter: Ihn ordnen viele Beobachter als neonazistisch ein. Zugleich gilt er als eine der wichtigsten Personen im Hintergrund der Aufmärsche des vergangenen Jahres beteiligt waren. Er hat sich bei „Pro Chemnitz“ engagiert. Die rechtspopulistische Vereinigung bezeichnet sich selber als Bürgerbewegung und hatte die Demonstrationen des vergangenen Jahres organisiert. Laut einem Bericht des Tagesspiegel ist Österle ebenso aktiv in einer Anti-Aysl-Initiative und hat schon bei Demonstrationen der Partei Der III. Weg mitgemacht. Österle ist angesichts all dessen zu einer entscheidenden Figur der Reportage geworden.

„Chemnitz - Ein Jahr danach“: Beobachter rät vom Besuch der Preview ab

Ein freier Journalist aus Chemnitz hatte die Diskussion öffentlich kritisiert. Johannes Grunert äußerte sich via Twitter zur angekündigten Veranstaltung: „Der @mdrde hebt #mitrechtenreden auf eine neue Stufe und lädt den Neonazi Arthur Österle zu einer Filmpremiere zur Podiumsdiskussion ein. Er soll hier u.a. mit einer Vertreterin der @gruene_jugend diskutieren. Österle nahm u.a. an einem Aufmarsch des "III. Weg" teil und war für die Ordner bei den rassistischen Großaufmärschen ab dem 27.8.18 zuständig. Ich kann nur davon abraten, diese Veranstaltung zu besuchen.“

Dass Österle auf dem Podium mitdiskutieren sollte, ging dann auch einigen Beteiligten zu weit. Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig hatte die Einladung zur Diskussionsrunde zunächst angenommen, dann aber wieder abgesagt. Das bestätigte Matthias Nowak, Sprecher der Stadt Chemnitz. „Barbara Ludwig hält es für falsch, einer solchen Person ein Podium zu bieten“, zitiert ihn der Tagesspiegel. Ihm zufolge ist die SPD-Politikerin nicht davon ausgegangen, dass sie bei der Veranstaltung neben einen „offenbar bekennenden Neonazi“ platziert werde.

„Chemnitz - Ein Jahr danach“: MDR reagiert auf Absagen

Auch Margarete Rödel von der Grünen Jugend hatte in der Zwischenzeit ihre Teilnahme an der Diskussion abgesagt. Der MDR blieb allerdings bei seinen Plänen - zumindest bis Donnerstag. Dann lenkte er doch ein. In einer Pressemitteilung erklärte der Sender, auf die Diskussion verzichten zu wollen. In ihr äußert sich MDR-Programmdirektor Wolf-Dieter Jacobi, der auch an der Runde hätte teilnehmen sollen. „Wir haben natürlich die kontroverse Debatte um die Besetzung des Podiums verfolgt und auch als wichtige Diskussion wahrgenommen. Wir bedauern die Absagen sehr, da wir gern den breiten Dialog geführt hätten“, sagte Jacobi.

Gegenüber dem Tagesspiegel erklärte er, warum man Österle ursprünglich eingeladen hatte. „Wenn man sich dem nicht stellt, macht man die Kräfte, die sich vor einem Jahr in Chemnitz formiert haben, nur noch stärker", lautet die Rechtfertigung des Programmdirektors.

Die Zuschauer der Preview-Veranstaltung sollen sich dennoch nach der Vorführung der Dokumentation austauschen können. Der MDR hat nun angekündigt, dass ein Gespräch mit den Machern und Verantwortlichen des MDR stattfinden soll. Die Dokumentation wird am 26. August um 22.45 Uhr im Ersten zu sehen sein.

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

dg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare