„Versorgung neu denken“ 

Drei Kliniken wollen Allianz für den Gesundheitsstandort Siegen

Die Geschäftsführerin und die Geschäftsführer der beteiligten Häuser, Hans-Jürgen Winkelmann, Stefanie Wied und Bertram Müller (v.l.) demonstrieren Geschlossenheit.

Siegen. Mehr Qualität in Medizin, Pflege und Therapie durch stärkere Spezialisierung, eine Versorgungskette von Anfang bis (Lebens-)Ende und nicht zuletzt weniger Patientenabwanderung nach „außerhalb“: Nicht nur die Medizin soll neu gedacht werden in Siegen, sondern auch die medizinische Versorgung. Dafür bringen sich drei von vier Kliniken in Stellung, unter Betonung größtmöglicher Einigkeit.

Gewissermaßen als Ableger des Modellprojekts der hiesigen und der Bonner Uni mit den vier Siegener Krankenhäusern rücken derer drei jetzt weiter zusammen. Für mehr Leistungsfähigkeit wollen sie ihre Ressourcen bündeln, sich strategisch auf die Gesundheitsversorgung in der Region ausrichten und diese nicht zuletzt für Fachkräfte attraktiver machen. Standorte werden hierfür nicht aufgegeben, Stellen sollen nicht gespart werden, im Gegenteil: Man sucht „händeringend“ Fachkräfte, und die sollen bitte möglichst auch bleiben, auch deshalb wurde das Projekt erdacht.

„Wir sind über ,Medizin neu denken' zusammengewachsen, das war von Anfang an zu viert angelegt.“ Allerdings habe der vierte Partner seinen Schwerpunkt in diesem Projekt in Forschung und Lehre, nicht aber in der Krankenversorgung gesehen, erläuterte Hans-Jürgen Winkelmann das Fehlen der Diakonie in der Allianz aus St. Marienkrankenhaus, DRK-Kinderklinik und Kreisklinikum. Dieses „Versorgung neu denken“ sei wegweisend, so der Hauptgeschäftsführer der Marien Gesellschaft beim Pressegespräch am Mittwoch (31. Oktober), dessen Thematik bis zu Beginn unter Verschluss gehalten wurde.

Derzeit reichten die Kapazitäten der drei Häuser zusammengerechnet mit 1300 Betten und 48.000 Fällen pro Jahr an die der Gießener Uniklinik heran, hieß es. „Wir haben eine Standortverpflichtung, wir müssen in großen Dimensionen denken“, nicht zuletzt im Hinblick auf die Medizinerausbildung sei das der Fall, so Winkelmann. Die sicherzustellen, das erfordere eine Kraftanstrengung. Schon jetzt kämpfen Kliniken mit steigenden Qualitätsvorgaben. IT-Sicherheit und Datenschutzgrundverordnung machen ihnen das Leben nicht leichter, die Kassen fordern Mindestmengen bei bestimmten Eingriffen. 

Auch mit Blick auf das Sterben kleiner Häuser, zu denen keines der drei im Moment, aber doch in Zukunft zählen werde, betonte Hans-Jürgen Winkelmann die Notwendigkeit, die Initiative zu ergreifen, bevor die Not es gebietet. „Wir hoffen, dass das Ganze politisch unterstützt wird.“ Dabei war der Ruf nach mehr Effizienz ja erst kürzlich genau aus dieser Ecke gekommen: Kliniken sollten Doppelstrukturen nicht nur innerhalb ihrer eigenen Verbünde, sondern auch trägerübergreifend ins Visier nehmen, so die Forderung von NRW-Gesundheitsminister Laumann.

Erste Ergebnisse Anfang 2019

„Wir reden hier nicht über eine Krankenhaus-Fusion!“, stellte Bertram Müller (Geschäftsführer Kreisklinikum) klar. Bislang habe man hausbezogen gedacht, jetzt gehe es darum, was jeder der drei Träger mitbringe, um die Versorgung der Patienten optimal zu gestalten. „Uns verbindet mehr als uns trennt.“ Er betonte die Transparenz und das gewachsene Vertrauen in der ja durchaus nicht neuen (siehe unten) Zusammenarbeit mit seinen Kollegen: „Wir reden heute offener als früher über das, was wir tun wollen.“ So habe man sich im Vorfeld beispielsweise über die Anschaffung eines OP-Roboters ausgetauscht. 

Denn auch darum geht es: Investitionen sollen besser aufeinander abgestimmt werden. „Der Wettbewerb ist in der Gesundheitsversorgung falsch positioniert“, zeigte sich Stefanie Wied überzeugt. Die DRK-Kinderklinik habe sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt. Es gehe aber nicht alleine um Wirtschaftlichkeit, sondern darum, wie man die Möglichkeiten so zusammenbringen könne, dass sowohl Mitarbeiter als auch Patienten davon profitierten.

Erste Ergebnisse dieser Kooperation peilen die Beteiligten für Anfang 2019 an. Die Zusammenarbeit rechtlich wie organisatorisch auf die Beine zu stellen, dazu haben sie sich erst am Montag die Zustimmung ihrer Träger eingeholt, womit auch die Kurzfristigkeit des Pressetermins begründet wurde. Jetzt geht es an die Ausgestaltung. 

Dass Patienten schon jetzt nicht selten in mehr als einem Krankenhaus vorstellig werden müssen, weil der Spezialist hier den Fall bei seinem Kollegen dort besser aufgehoben sieht, ist schließlich eine Tatsache, das weiß auch Hans-Jürgen Winkelmann: „Bestimmte Dinge müssen institutionalisiert werden.“ Denkbar sei ein sogen. Medical Board, in dem (Chef-)Ärzte wöchentlich am runden Tisch Behandlungspfade für Patienten verbindlich festlegen. Es gehe darum, gemeinsam mit Pflegepersonal und Ärzten die jeweiligen Stärken zu ermitteln, so Stefanie Wied. Bertram Müller: „Es wird eine Schwerpunktbildung geben.“

Greifbare Projekte derzeit 

  • Notfallversorgung: Deren höchste Stufe („umfassend“), wird im Kreisklinikum angesiedelt, während das St. Marien-Krankenhaus die sogen. erweiterte Notfallversorgung übernimmt. Die DRK-Kinderklinik steht für sich. 
  •  Chronisch kranke Kinder, die erwachsen werden, fallen derzeit oft in eine Versorgungslücke. Solche Brüche sollen künftig vermieden werden. „Wir wollen einen gezielten Behandlungspfad für diese Patienten aufbauen“, erklärt Bertram Müller. Die Krankenkassen haben grünes Licht gegeben, ein entsprechendes Zentrum werde „zeitnah“ beantragt und soll an der Kinderklinik installiert werden 
  • Ein Medizinisches Zentrum für geistig und mehrfach behinderte Erwachsene (kurz MZEB). „Suchen Sie mal einen Zahnarzt für einen geistig Behinderten“, so Müller. Derzeit werde ein entsprechendes Netzwerk aufgebaut, über das Patienten an Fachärzte vermittelt werden sollen.

Die Kooperation sei als Prozess angelegt, betonte Hans-Jürgen Winkelmann, man will „mit Offenheit“ an weitere Versorger, beispielsweise der stationären Altenhilfe, der Physiotherapie oder der ambulanten Reha herantreten. Denkbar ist auch eine weitere Zusammenarbeit in Sachen Aus- und Weiterbildung, Stichwort Hebammen-Ausbildung. Apropos Geburtshilfe: Dass die neue strategische Allianz auch die Chancen auf ein Mutter-Kind-Zentrum auf dem Wellersberg erhöhen könnte, diesbezüglich sind die Beteiligten ziemlich optimistisch.

Zusammenarbeit nicht erst seit gestern

Kreisklinikum und Kinderklinik kooperieren zum Beispiel seit 2013 in Sachen Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, auch übernimmt das Kreisklinikum Laborarbeiten für die Kollegen am Wellersberg. Seit vergangenem Jahr gibt es eine gemeinsame Service GmbH von Kreisklinikum und St. Marienkrankenhaus beziehungsweise Marien Gesellschaft, deren gemeinsame Großküche voraussichtlich im Juli 2019 eröffnet werden soll. Und erst jüngst wurde das trägerübergreifende Onkologische Zentrum wiederum durch das St. Marienkrankenhaus ins Leben gerufen. Voraussichtlich im Februar soll das gemeinsame Aus- und Weiterbildungszentrum von Kinderklinik, Kreisklinikum und Marien Gesellschaft an den Start gehen.

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