Erster Toter war Adolph Schmoll

Ausgrabungen im Schlosspark beendet: 15 Gräber werden auf dem "Alten Friedhof" gehoben

Seit vier Wochen laufen die Ausgrabungen im Schlosspark. Die Experten legen die Skelette, die seit rund 150 Jahren im Schlosspark liegen, vorsichtig frei. Fotos: Tina Falkenhain

Siegen. Dieser Anblick ist ein nicht ganz alltäglicher: In dem ausgehobenen Grab liegen die noch gut erkennbaren Überreste eines Menschen in der Frühlingssonne: Fast alle Knochenteile sind noch gut zu erkennen. Der Schädel, der ein wenig eingebrochen ist, Arme, Beine, Wirbelsäule, Becken. Das Skelett liegt noch in der typischen Bestattungsposition in Grab – die Hände auf dem Bauch gefaltet. Dieses und andere Gräber haben die archäologischen Schürfungen im Siegener Schlosspark zutage gebracht.

„Durch die Baumaßnahmen haben wir ein kleines Fensterchen bekommen, um in diesen Friedhof hineinzusehen“, fasste Dr. Eva Cichy, Archäologin der Außenstelle Olpe LWL-Archäologie, die Ergebnisse der Schürfungen am südlichen Ende des Siegener Schlossparks zusammen. Vier Wochen lang hatte eine Fachfirma das Areal, bei dem es sich um ein sogenanntes Bodendenkmal handelt und auf dem sich ein alter Friedhof befindet, ganz genau unter die Lupe genommen (wir berichteten).

Nun steht fest: in einigen Bereichen sind Gräber von den Baumaßnahmen des Projektes „Rund um den Siegberg“ betroffen und würden durch die Arbeiten beschädigt oder zerstört. Dort soll später eine Art Serpentinenweg entstehen, der tief in den Hang hinein geht. Deshalb werden 15 von 23 der am Mittelhang befindlichen Gräber geborgen und die Skelette von Anthropologen untersucht, wie Thies Evers, Archäologe der ausführenden Fachfirma, erläuterte.

Die Skelette wurden teilweise geborgen, um Knochen und Zähne zu untersuchen.

„Die Untersuchungen geben zum Beispiel Aufschluss über den Zahnstatus der Toten“, so Eva Cichy. Wie sind die Menschen gestorben? Wie alt waren sie? Was waren typische Krankheiten in dieser Zeit? Das alles könne man anhand des Gebisses und des Knochenstatus erkennen, erklärt die Archäologin. Auch über die Herkunft der Toten könne man so einiges erfahren. Kamen sie aus Siegen oder von außerhalb? 

„Wir haben hier eine sehr dichte Belegung“, so Thies Evers. „Teilweise liegen nur 50 Zentimeter Abstand zwischen den Gräbern, an einigen Stellen überschneiden sich die Grabstätten auch.“ Die Bestattungstiefe sei im Vergleich zu heute relativ gering. Außerdem habe man Reste von Eisenerz gefunden, was die Hinweise auf eine Schlackenhalde auf dem Gelände indirekt bestätige.

Einige Tausend Siegener seien zwischen 1843 und 1907 auf dem Siegberg bestattet worden – was auf eine relativ „intensive Nutzung“ angesichts der kurzen Zeit hinweise. „Der Friedhof ist mehr oder weniger auf der gesamten Fläche nachweisbar“, so Evers.

Aber auch die Grabstätten selbst geben einigen Aufschluss, zum Beispiel über die Art der Bestattung: „Alle Toten wurden in Holzsärgen bestattet.“ Das Holz ist verrottet, teilweise seien noch die verzierten Metallgriffe- und Verschläge zu finden, erklärt der Archäologe und zeigt einen sehr verkrusteten, aber deutlich erkennbaren Griff.

Thies Evers zeigt einen alten Sarggriff,

Wie schon vermutet, sind die Gräber zu „jung“ für wertvolle Grabbeigaben, was aber nicht heißt, dass die Experten nichts gefunden haben. Allerdings seien das eher kleinere „Liebesgaben“. Unter anderem gaben die Angehörigen ihren Liebsten vor rund 150 Jahren Rosenkränze mit auf die letzte Reise – ein kleines Kreuz in Evers Hand kann man noch deutlich erkennen. Auch ein Weihwasserfläschchen entdeckten die Archäologen. Weitere Funde sind zum Beispiel aus Knochen geschnitzte Hemdknöpfe.

Auch wenn es keine Kreuze oder Grabsteine mehr gibt, weil der Friedhof 1907 bereits als entwidmet galt: Dokumenten des Stadtarchivs Siegen legen offen, dass der erste Mensch, ein Säugling namens Adolph Schmoll, dort am 21. Februar 1843 beerdigt wurde. Anhand der Knochenfunde, Beschreibungen und Fotos könnten Wissenschaftler vielleicht irgendwann einmal die Belegung rekonstruieren.

Die Totenruhe sieht Evers nicht gestört. Schließlich würden auf vielen Friedhöfen Gräber nach 20 Jahren eingeebnet. „Ich weiß natürlich, dass viele Menschen das anders sehen,“ Aber seine Arbeit, so sagt er, diene schließlich auch dazu, den Menschen, die schon so lange dort liegen, auch ein Stück weit ihre Identität wiederzugeben.

Gestern endete die Arbeit der Archäologen im Schlossgarten. Auf dem „Alten Friedhof“ wird bald das Projekt „Rund um den Siegberg“ weitergehen. Der südliche Bereich des Parks bekommt unter anderem einen Spielplatz und eine Spiel- und Liegewiese. Die Grünflächenabteilung hofft, nach den Ausschreibungen im Spätsommer mit den Erdarbeiten beginnen zu können.

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