Ab August 2018

Digitalisierung in der Ausbildung: bbz bietet Zusatzqualifikationen

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Siegen. Der demographische Wandel ist in aller Munde, an allem schuld ist er aber nicht. Fast die Hälfte aller Grundschulabgänger wird in diesem Jahr aufs Gymnasium gehen. Viele davon studieren später, die heimische Industrie schaut dann in die Röhre: Zwar werden im hiesigen IHK-Bezirk 2018 so viele Azubis eingestellt wie in den beiden Jahren zuvor – auf der anderen Seite wird der Bedarf der Betriebe aber größer.

Verhindern könne man den Wechsel von 47 Prozent aller Viertklässler aufs Gymnasium nicht, da macht sich Klaus Fenster, Geschäftsführer des Berufsbildungszentrum (bbz) der IHK Siegen, keine Illusionen. Stattdessen nimmt das bbz die Herausforderung an. Das Zauberwort soll „Industrie 4.0“ lauten, genauer gesagt Digitalisierung in der Ausbildung. Zielgruppe sind leistungsstarke Jugendliche, Abiturienten und Studienabbrecher. Mit der im Zuge der 2017 verabschiedeten Teilnovelierung der Metall- und Elektroberufe auf den Weg gebrachten Zusatzqualifikation für Auszubildende positioniert sich das bbz damit klar im Wettbewerb um die Schulabgänger. Unternehmen wiederum soll so ein Werkzeug an die Hand gegeben werden, Jugendliche für eine Ausbildung zu gewinnen und sie langfristig zu binden. „Diese Perspektiven sind tragfähig“, zeigt sich Klaus Fenster beim Pressegespräch zuversichtlich. Der dualen Ausbildung werde oft vorgeworfen, nicht mehr „up to date“ zu sein. „Das ist definitiv falsch.“ 

Erstmals gebe es nun in den Metall- und Elektroberufen Differenzierungsmöglichkeiten, würden die Ausbildungsabschlüsse durch Elemente angereichert, die sonst nicht enthalten seien. Ja, die Berufe müssten sich anpassen. Doch: „Mechanische Fertigung ist und bleibt mechanisch, auch mit Digitalisierung.“ Dass Abiturienten keinerlei Interesse an den traditionell im Siegerland beheimateten Metallberufen hätten, das möchte bbz-Vorsitzender Dr. Jaxa von Schweinichen indes so nicht stehen lassen. Vielmehr würden Schüler angehalten, nach dem Abitur an die Uni zu gehen. Doch: „Wenn jeder nur noch Lehrer werden will, dann haben wir ein Problem.“ Mit der Digitalisierung auf dem Vormarsch seien die Mitarbeiter in der Metallindustrie stark gefordert, das weiß von Schweinichen (Walzen Irle) aus Erfahrung. 

Judith Hamers, Dr. Jaxa von Schweinichen und Klaus Fenster (v.l.) stellten das neue Angebot vor. 

Sie böte Unternehmen aber die Chance, sich für die Zukunft zu wappnen. Um wiederum junge Leute für die digitalisierte Produktion fit zu machen, schnürt das bbz ab August ein Paket aus acht neuen Kern- und Zusatzqualifikationen für Azubis in den sogenannten M+E-Berufen. Zu diesen Qualifikationen zählen Digitalisierung der Arbeit, Datenschutz und Informationssicherheit, Systemintegration, Prozessintegration, additive Fertigungsverfahren, IT-gestützte Anlagenänderung, digitale Vernetzung, Programmieren und IT-Sicherheit. Vielen sei nicht klar, was „dual“ eigentlich bedeute – dass man also nach vier Jahren Ausbildung immer noch ein Studium beginnen könne, so Judith Hamers, im bbz Leiterin der Projektabteilung. Ihrer Erfahrung nach sind viele Jugendliche äußerst leistungsbereit. 

„In der Ausbildung wird immer nach Weiterbildung gefragt.“ Unternehmen wiederum könnten auf diese Weise die Nachfolge bei etwa durch Berentung absehbar freiwerdenden Posten sicherstellen, und zwar mit dem eigenen Nachwuchs. Hamers wirbt für eine weitere neue Qualifikation: die wirtschaftsbezogene. Hier eignen sich Azubis vertieftes Wissen in verschiedenen kaufmännischen Bereichen an, was auf den Industrie-, Wirtschafts- oder Technischen Fachwirt angerechnet werden könne. Klaus Fenster hofft, auf diesem Weg mehr Abiturienten auch für den kaufmännischen Bereich begeistern zu können, denn auch hier werde Digitalisierung künftig eine wichtige Rolle spielen. Damit das Ganze so praxisnah wie möglich wird, rüstete das bbz mittels Fördergeldern des Bundes seinen Maschinen- und Anlagenpark sowie die Unterrichtsräume um beziehungsweise auf. Investitionsvolumen: rund 2 Millionen Euro. 

Dafür arbeiten die Auszubildenden künftig unter anderem an 3D-Druckern (Kunststoff- und Metalldruck), Schweißsimulatoren und Schweißrobotern, CNC-Fräsmaschinen und einem CNC-Dreh- und Fräs-Bearbeitungszentrum. Im Klassenraum sollen Tablets und interaktive Displays Tafel und Beamer ablösen. Klaus Fenster jedenfalls ist nicht sparsam mit Vorschusslorbeeren für die neuen Möglichkeiten zur Zusatzqualifizierung: „Die Wertigkeit geht schon sehr stark in Richtung eines Bachelorstudiums.“ Seine Hoffnung in Zahlen ausgedrückt: 150 Teilnehmer im Herbst 2019. „Das würde mich persönlich freuen.“

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