"Damit ist eine neue Stufe der Eskalation eingeleitet"

Diakonie-Klinikum möchte Neurologie etablieren - Siegener Kreisklinikum spricht von "Wortbruch"  

Der Antrag des Diakonie-Klinikums auf Ausweisung von 42 Betten Neurologie bekommt Gegenwind.

Siegen – Ein Sturm zieht auf. Lange Zeit hat über den vier Krankenhäusern der Region die Sonne geschienen, doch jetzt braut sich etwas zusammen. Mal wieder. Grund für den jetzigen Zoff: Das Diakonie-Klinikum möchte sein Portfolio um die Fachabteilung Neurologie erweitern.

Anfang Mai wurde ein Antrag auf Ausweisung von 42 Betten gestellt. Für das Kreisklinikum Siegen vollkommen unverständlich. Der Bedarf sei gedeckt, es gebe überhaupt keinen Grund, eine zweite neurologische Fachabteilung im Versorgungsgebiet vorzuhalten. 

Zunächst einmal: Für das Diakonie-Klinikum gibt es zwei Gründe, eine Neurologie zu etablieren. Der erste hängt mit neuen Regelungen von Notfallstruktur-Stufen in Krankenhäusern zusammen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) hat dazu im April neue Regelungen und Anforderungen aufgestellt. Danach muss ein Krankenhaus bestimmte Voraussetzungen erfüllen, um der höchsten Stufe – der umfassenden Notfallversorgung – zugeordnet werden zu können. Dazu zählt unter anderem das Vorhalten von fünf der insgesamt sechs Fachabteilungen in einer bestimmten Kategorie. Diese Zahl erfüllt das Diakonie-Klinikum schon jetzt, „doch es kann ja immer mal etwas wegbrechen“, so Pressesprecher Stefan Nitz. Da wolle man auf der sicheren Seite sein und alle sechs vorhalten können. Und die sechste – fehlende – Abteilung sei die Neurologie. 

Der zweite Grund, so das Diakonie-Klinikum, sei der bestehendeMehrbedarf an neurologischen Betten. Laut Feststellungbescheid vom 26. März 2018 werden für das Kreisklinikum 90 Betten ausgewiesen – bereits im Oktober 2016 hatte aber die Arbeitsgemeinschaft der Verbände der Krankenkasse in Westfalen-Lippe 132 Betten für das Versorgungsgebiet empfohlen. 

"Deutliches Signal der Krankenkassen"

Auf dem Papier gab es also einen Mehrbedarf an neurologischen Betten – den das Kreisklinikum jedoch mit der Belegung von 126 Betten frühzeitig deckte und gleichzeitig den Antrag auf Aufstockung stellte. Und auch wenn der offizielle Feststellungsbescheid noch aussteht, das Kreisklinikum rechnet fest damit, dass diese Aufstockung auch genehmigt wird. Denn: „Es gab ein ganz deutliches Signal der Krankenkassen an die Bezirksregierung, dass sie eine Fachabteilung im Versorgungsgebiet für ausreichend halten. Die Krankenkassen haben deutlich gemacht, dass es sinnvoller ist, die Betten im Kreisklinikum aufzustocken, anstatt woanders eine zweite Abteilung zu eröffnen“, so Kreisklinikum-Geschäftsführer Bertram Müller im Gespräch mit dem SiegerlandKurier.

Die Region sei deshalb derzeit nicht unterversorgt und er sei sicher, dass die Bezirksregierung der Empfehlung der Krankenkassen folge und die Aufstockung befürworte. Müller machte im Gespräch mit dem KURIER außerdem deutlich, dass er maßlos enttäuscht und regelrecht entrüstet sei, dass das Diakonie-Klinikum im Bereich der Neurologie in den Wettbewerb einsteige. 

"Das macht ein Miteinander unmöglich" 

„Im Rahmen der Krankenhausplanung für das Versorgungsgebiet 16 (Kreise Siegen-Wittgenstein und Olpe) habe immer Einvernehmen bestanden, dass die Behandlungskapazitäten für neurologische Patienten durch die Fachabteilung am Kreisklinikum vollständig ausreichend sind und die Einrichtung einer zweiten Fachabteilung weder notwendig noch sinnvoll ist“, sagt Müller. Und: Im Zuge der Gespräche zur Klärung des Kooperationsvertrages zwischen den vier Kliniken und den Universitäten Siegen, Bonn und Rotterdam („Projekt Medizin neu denken“) habe das Diakonie-Klinikum deutlich gemacht, auf eine weitere Verschärfung des Wettbewerbs durch Aufbau weiterer Abteilungsstrukturen verzichten zu wollen. „Es wurde versichert, dass man keine Absicht habe, eine Neurologie zu etablieren und damit das Wettrüsten in der Region fortzuführen“, heißt es in einer Mail von Bertram Müller an zahlreiche Vertreter aus Politik und Verwaltung, die auch der Redaktion vorliegt. Müller zeigte sich erstaunt, "dass die Diakonie mit ihrem jetzigen Antrag ihr gegebenes Wort bricht." 

„Mit dem Antrag auf Ausweisung einer Fachabteilung Neurologie wird erneut dokumentiert, dass man seitens der Diakonie entgegen aller Beteuerungen an keinerlei Zusammenarbeit interessiert ist und man weiter die Strategie eines ruinösen Wettbewerbs verfolgt. Damit ist eine neue Stufe der Eskalation eingeleitet, die ein Miteinander unmöglich macht“, heißt es weiter.

"Wollen das Angebot sinnvoll ergänzen"

Harter Tobak für das Diakonie-Klinikum, das die Aufregung überhaupt nicht verstehen kann. „Wir wollen doch niemandem etwas wegnehmen“, so Stefan Nitz. Der Bedarf sei eindeutig gegeben und mehr neurologische Betten seien gut für die Patienten und damit gut für die Region. „Wir wollen, und daran wollen wir keinen Zweifel aufkommen lassen, keinen Wettbewerb verschärfen, sondern das vorhandene Angebot in der Region im Sinne der Patienten sinnvoll ergänzen“, erklärt der Pressesprecher – und legt die Empfehlung eines Gutachters nach: „Demnach ist die Einrichtung einer Neurologischen Hauptfachabteilung am Diakonie Klinikum Jung-Stilling Siegen sowohl unter dem Gesichtspunkt der überregionalen Krankenversorgung als auch zur Stärkung der Notfallversorgung am Standort und zur Optimierung des fachübergreifenden Leistungsangebotes für Patienten mit neurologischen Erkrankungen am Standort sinnvoll und geradezu geboten.“ Die Empfehlung stammt vom zertifizierten Gutachter Prof. Dr. Jan Marek Jauß, Chefarzt der Klinik für Neurologie des Ök. Hainich Klinikums aus Mühlhausen. Das Gutachten wurde von der Diakonie in Folge des GBA-Beschlusses in Auftrag gegeben. 

"Planungsantrag können wir nicht nachvollziehen"

Auch das Marienkrankenhaus hat sich zur angespannten Lage geäußert: „Die Marien Gesellschaft Siegen blickt mit Sorge auf die aktuelle Entwicklung. Bei der gegenwärtig angestrebten Etablierung einer Medizinerausbildung in Siegen bestand unter den Siegener Krankenhäusern Einvernehmen, dass jedes beteiligte Krankenhaus einen medizinischen Schwerpunkt vertritt. Diese Absprache scheint nun einseitig aufgekündigt, was eine Hypothek für das gemeinsame Projekt darstellt“, heißt es in einer Stellungnahme. Es entstehe ein „deutliches Zuviel Versorgungskapazität in der Neurologie. Den Planungsantrag der Diakonie können wir nicht nachvollziehen“.

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