Professor stellt Modell bei Produktionsforum vor

Universität Siegen testet Exoskelett auf seine Vor- und Nachteile

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Prof. Dr.-Ing. Karsten Kluth mit dem  Stuhl zum Mitnehmen: der Chairless Chair.

Siegen. Füttert man die Bildersuche mit dem Begriff „Exoskelett“, dann spuckt das Internet auch Bilder futuristischer Menschmaschinen aus, ein bisschen an den „Terminator“ erinnernd: Hasta la vista, Baby.

Ganz so weit ist Prof. Dr.-Ing. Karsten Kluth noch nicht, wie er da im Foyer der Siegerlandlandhalle auf seinen Auftritt wartet. Eher unauffällig an ihm befestigt, über Oberkörpergurte wie am Rucksack, am Oberschenkel und am Fuß, ist eine Art Gerüst, dessen sichtbarste Elemente sich hinten an den Beinen zeigen. Der Unterschied zu allen anderen Menschen in diesem Foyer: Er kann sich setzen, und zwar ganz ohne Stuhl. Der „Chairless Chair“ des Schweizer Start-Ups Noonee ist anders als andere Exoskelette nicht mit einem Motor versehen, um seinem Träger scheinbare Superkräfte zu verleihen, sondern wirkt passiv. Das heißt, er unterstützt beispielsweise bei Tätigkeiten in der Fertigung, indem er seinem Träger dessen eigenes Gewicht abnimmt. 

Und außerdem klappert er. Das ist deutlich zu hören, als Kluth Richtung Podium geht, auf das er im „stuhllosen Stuhl“ steckend nur so halb elegant hinaufkommt. An diesem Mittwochnachmittag spricht der Professor für Ergonomie an der Uni Siegen auf einer Veranstaltung, die sich der „Smarten Produktion in Südwestfalen“ widmet: Forscher der Universität diskutieren mit Wirtschaftsvertretern über die Zukunft der produzierenden Unternehmen. Konkret geht es jetzt um die Vor- und Nachteile eines solchen Exoskeletts, das gar nicht so neuartig ist, wie mancher meinen könnte. In der Medizin beispielsweise begegnet es uns als Orthese. 

In Sachen Entwicklung laufe die Industrie der Wissenschaft in Siebenmeilenstiefeln davon, so Kluth, was aber kein deutsches, sondern ein weltweites Problem sei. Die Forscher an der hiesigen Uni konstruieren also nicht, sie prüfen die Exoskelette auf ihre (Alltags-)Tauglichkeit hin. Bei sämtlichen derzeit erhältlichen Modellen, von jenen in militärischem Gebrauch abgesehen, handelt es sich um Prototypen. Diese werden allerdings jetzt verstärkt von Unternehmen, vor allem in der Autoindustrie an den Fertigungslinien, getestet. In den USA seien Arbeitnehmer offener für so etwas, berichtet der Professor, in Ingolstadt hingegen, wo derzeit ebenfalls Tests laufen, entledigten sich Arbeiter ganz gern ihres „Gerüstes“, sobald kein Wissenschaftler mehr hinschaut. 

An der Uni Siegen hingegen hielt man durch: Auf dem Laufband, beim Verschrauben und bei der Montage haben 17 Probanten den „Chairless Chair“ geprüft, und im Großen und Ganzen empfanden die Tester ihn als arbeitserleichternd. Zu bemängeln hatten sie unter anderem den schnellen Gurtverschleiß, die schlechte Einstellbarkeit und den großzügig verbauten Kunststoff. „Es ist gewöhnungsbedürftig“, sagt dazu Prof. Kluthe, „die Wolke sieben ist es noch nicht“. 

Auf einem tendenziell immer älter werdenden Arbeitsmarkt sollen Exoskelette wie dieses der Gesunderhaltung des Arbeitnehmers, nicht der Leistungssteigerung dienen, sie sollen den Muskelapparat und das Herz-Kreislauf-System stärken, erklärt Kluthe den aufmerksam lauschenden Wirtschaftsvertretern. Wer von ihnen nun damit liebäugelt, seinen Mitarbeitern etwas Gutes zu tun, muss sich allerdings in Geduld üben: Noch weiß man schlicht nicht, als was man ein solches Exoskelett einstufen soll – ist es ein technisches Hilfsmittel, ein medizinisches oder zählt es zur persönlichen Schutzausrüstung? Daraus ergibt sich, dass auch eine Gefährdungsbeurteilung nicht möglich ist, da die Risiken noch nicht ausreichend erforscht sind, ebenso wenig wie die Langzeitfolgen. 

Denn was auf den ersten Blick positiv erscheint, kann auch Nachteile bergen: Was macht es zum Beispiel mit einem Körper, wenn ein Exoskelett stunden lang die Arme stützt beim Arbeiten „über Kopf“? Das Anlegen erfordert im Moment noch zwei Personen – von denen dann auch eine ggf. mit zur Toilette müsste –, im Gefahrenfall kann man sich nicht rasch genug daraus befreien, von schnellem Laufen ganz zu schweigen. Die Sturzgefahr ist erhöht. Und: „Das Exoskelett kann mit dem Körper noch nicht mithalten“, sprich: Noch sind die echten Gelenke des Menschen geschmeidiger als die des Hilfsmittels. Karsten Kluth, der auf der Bühne „Platz genommen“ hat, wippt ein wenig hin und her: „Wenn mich jetzt jemand anstößt, falle ich um.“

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