"Ein Hauch neben der Spur"

Fotograf Horst Kistner präsentiert surrealistische Fotos im Haus Seel

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Der Fotograf Horst Kistner inszeniert Bilder, die vom Licht leben, das Prinzip Hoffnung transportieren und die Phantasie anregen.

Siegen. Bis zum 1. Mai zeigt die Städtische Galerie Haus Seel die Bilderserie „Les sentiments perdus“ von Horst Kistner. Im Stil der 50er und 60er Jahre gehalten, rückt er Alltägliches ins Metaphysische.

Schon als 12-Jähriger fotografierte Horst Kistner und konnte dabei auf die umfangreiche Kameraausrüstung seinen Vaters, eines ambitionierten Hobbyfotografen, zurückgreifen. Horst Kistners Leidenschaft für alte Möbel entfachte, als er bei einem Freund seines Vaters zu Gast war. Diese Familie liebte die Kunst und wohnte in einem alten Schloss mit entsprechender Innenausstattung. In der Schlossbibliothek stieß Horst Kistner dann auf einen Bildband, der in ihm den Berufswunsch Fotograf weckte. Mit 14 kaufte er sich seine erste eigene Kamera, mit 16 ging er nach Berlin, um dort eine Fotografenausbildung zu absolvieren. Zwei Jahre später begann er in Karlsruhe als Food-(=Lebensmittel) und Werbefotograf zu arbeiten, was er 22 Jahre lang machte. Seine Begeisterung für altes Interieur war geblieben und 2000 eröffnete Horst Kistner einen Onlinehandel für Vintagemöbel. Vor ungefähr drei Jahren hatte er die Idee, beides zu verbinden, weil ihm das Fotografieren einfach fehlte. Mittlerweile verfügt Horst Kistner über einen üppigen Fundus an 50er und 60er Jahre-Möbeln und -Kleidung, zusammengetragen auf Flohmärkten und Online-Shops. Dass es diese Zeit ist, liegt in der Begeisterung für die damaligen Filme und Autos und für die Vielfalt der seinerzeit produzierten Waren. Zuerst machte Horst Kistner seine Bilder „just for fun“ und nur für sich. Als er sie dann einmal bei Facebook online gestellt hatte, merkte er, dass seine Arbeiten ankamen und so wuchs seine Sammlung immer weiter an. Die Entstehungsgeschichte eines Fotos ist schnell erzählt: Blickt Horst Kistner zum Beispiel auf einen Gegenstand vergangener Tage, kommt ihm rasch eine Idee für ein Bild, die er dann mit vorwiegend weiblichen Modellen, manchmal auch Tieren, umsetzt. „Meine Bilder sind surrealistische Fotografien des Alltäglichen, wobei ich bewusst inszeniere und sich meine Bildersujets immer einen Hauch neben der Spur bewegen“, beschreibt Horst Kistner seine Intention zu den einzelnen Motiven. 

Beim Fotografieren spielt das Licht die entscheidende Rolle, denn „das muss sitzen“, erläutert er die Anwendung der cineastischen Lichtführung. Drei bis vier Tage benötigt er für den Aufbau einer Szene und lotet dabei vorher genau aus, wie das Licht kommt. Die im Bild erzählten Geschichten haben kein Ende, denn dann, so Horst Kistner, würden sie einem Klischee entsprechen. „Meine Fotografien bleiben offen für die Interpretation eines jeden, der sie anschaut.“ So überlässt der Künstler seine Werke der Phantasie des Betrachters, der sicherlich darüber nachdenkt, warum eine Frau einen Rosenstrauß in den Kochtopf wirft, wie bei „Boiling point“ oder mutmaßt, dass der Hund in „Berlin ‘33“ das angedeutete Federvieh wohl gefressen haben wird - eine Metapher auf die politische Situation. „Caesar“ ist der Beweis dafür, dass Hund und Halter(in) sich im Laufe der Jahre immer ähnlicher sehen. Häufig sieht man vermeintliche Aktfotos wie etwa „Elaine smoking“. Schaut man genau hin, verliert sich das Erotische jedoch zunehmend. 

Die Frauen werden auf Horst Kistners malerischen Bildern selbstbewusst und keinesfalls als Lustobjekte dargestellt. Das gefällt und mag wohl ein Grund dafür sein, dass vorrangig Frauen seine Fotos kaufen. Die Fotoshow über die „vergangenen Gefühle“ läuft noch bis zum 1. Mai auf beiden Ebenen des Haus Seel. Am 21. April findet dort um 19.30 Uhr die Veranstaltung „Fotografie heute im Gespräch“ statt. Horst Kistner spricht über seine Arbeiten und diskutiert unter dem Motto „Ablichten - Manipulieren - Performen“ mit Fotoexperten aus der Region.

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