Zu viele freie Stellen, zu wenig Bewerber

Gegen den Fachkräftemangel: Agentur für Arbeit will Azubis aus dem Ruhrpott holen

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Im Siegerland gibt es viele freie Ausbildungsplätze – aber zu wenige Bewerber. Die Agentur für Arbeit Siegen plant, zusätzlich Jugendliche aus Recklinghausen ins Siegerland zu holen, um dem drohenden Fachkräftemangel langfristig die Stirn zu bieten.

Siegerland. Morgens keine leckeren Brötchen mehr aus der kleinen Backstube um die Ecke und kein Schnitzel mehr vom Metzger des Vertrauens – dieses Zukunftsszenario liegt im Sieger- und Sauerland durchaus im Bereich des Möglichen. Das zeigen mal wieder die aktuellen Ausbildungszahlen der Agentur für Arbeit Siegen. Nirgendwo in NRW klafft die Lücke zwischen freien Ausbildungsstellen und Bewerbern so weit auseinander wie in der Region.

Niemand will mehr Metzger werden, Bäcker, Verkäufer, oder Dachdecker. Dabei seien die Chancen für Auszubildende in der Region komfortabel wie noch nie, erläuterte Frank Schmidt, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Siegen am Montag in einem Pressegespräch.

Auf 3402 Stellen in den Kreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe kommen im aktuellen Ausbildungsjahr 2527 Jugendliche. Somit sind 1715 Stellen unbesetzt. Während die Zahl der Stellen in den letzten Jahren steigt, interessieren sich Jugendliche immer weniger für eine duale Ausbildung. „Wir konnten fast zehn Prozent weniger Bewerber für eine Ausbildung gewinnen“, verdeutlichte Schmidt. „Die Lage ist durchaus kritisch – und sie wird immer kritischer.“

Immer mehr Schüler gehen aufs Gymnasium. Dementsprechend werde auch die Zahl der Studierenden immer höher. Die größten Chancen, ihre Stellen zu besetzen, hätten die Arbeitgeber in der Industrie. „Echte Probleme hat dagegen das Handwerk.“ Alle Berufe, die mit körperlicher Arbeit, Dreck oder der Arbeit im Freien zu tun haben, seien generell unbeliebt bei Jugendlichen. Verdienstchancen und Zukunftsperspektiven spielten ebenfalls eine Rolle.

Auch wenn es viele freie Stellen gebe – das heiße noch lange nicht, dass auch alle Bewerber eine Stelle bekommen. Oft passen die Berufe nicht mit den Vorstellungen der Bewerber zusammen – oder sie wohnen zu weit vom Arbeitgeber weg.

Jugendliche aus der Region für eine Ausbildung zu begeistern – daran arbeite die Agentur auch weiterhin intensiv, so Frank Schmidt. Um die Lücke von derzeit knapp 900 Bewerbern aber langfristig zu schließen, hat die Agentur für Arbeit zusammen mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) Siegen und der Handwerkskammer Südwestfalen ein neues Projekt mit dem Namen „Mobil zum Ziel“ entwickelt.

Das Konzept: Die Agentur für Arbeit möchte Jugendliche von Außerhalb für eine Ausbildung im Siegerland gewinnen – genauer gesagt, Jugendliche aus Recklinghausen. Dafür hat die Siegener Agentur die Arbeitsagentur in Recklinghausen als „Tandem-Partner“ ins Boot geholt. „Wir wollen keinen Raubbau in Recklinghausen betreiben“, erklärte Carsten Tillmann, Geschäftsführer Operativ der Agentur für Arbeit Siegen. Deshalb habe man nach Städten in NRW angeschaut, in denen es wenige – im Siegerland dagegen viele freie Ausbildungsplätze gibt.

„Mobil zum Ziel“

Dabei fiel die Wahl auf Recklinghausen, weil Jugendliche dort vergleichsweise geringe Chancen haben, einen Ausbildungsplatz in den Bereichen Maschinenbau, Fahrzeugtechnik, Energietechnik, Hochbau oder im Verkauf zu bekommen. Im Kreis Siegen-Wittgenstein dagegen sind in diesen Bereichen viele Stellen unbesetzt.

„Es ist allerdings sehr schwer, Jugendliche und deren Eltern davon zu überzeugen, für drei Jahre ins Siegerland zu kommen“, so Tillmann über die größte Herausforderung des Projektes. Die meisten der potentiellen Auszubildenden seien noch nicht volljährig. Deshalb müssten auch die Faktoren Unterbringung, Betreuung, Freizeitgestaltung geklärt werden. „Nur dann ist ein Umzug ins Siegerland für Jugendliche und deren Eltern interessant.“

Man müsse heimische Arbeitgeber gewinnen, die bereit seien, Jugendliche aus anderen Regionen zu beschäftigen – und die entsprechend vernetzt sind, um sich um deren Unterbringung und Betreuung zu kümmern. Auch die Kreise und Kommunen brauche man als Partner für das Projekt – denn das Bekanntmachen der Region sei ein weiterer zentraler Punkt, um den jungen Menschen in Recklinghausen eine Ausbildung im Siegerland schmackhaft zu machen.

„Wir wollen Info-Pakete schnüren, die wir dann den potentiellen Bewerbern nach Recklinghausen mitnehmen können“, so Tillmann zum weiteren Vorgehen. Auch Azubis aus der Region sollen vor Ort von den Möglichkeiten im Siegerland berichten.

In einem weiteren Schritt will die Agentur für Arbeit interessierte Jugendliche zum Kennenlernen für ein kurzes Praktikum in die Region holen. Es gebe bereits erste kleine Erfolge: Es haben sich sechs Jugendliche gefunden, die sich für das Projekt interessieren.

Ob der Plan langfristig aufgeht, könne man zu diesem Zeitpunkt nicht sagen, so Frank Schmidt. „Wir werden nicht nachlassen. Aber unser Kerngeschäft ist es, die Jugendlichen vor Ort in Ausbildung zu bringen“, betonte Schmidt. „Die wollen wir auch nicht aus den Augen verlieren.“

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