In Warteschlangen zum Führerschein

Heimische Fahrschulen sauer: Zu wenig Prüfungsplätze beim TÜV Nord

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Daumen hoch, die Prüfung ist bestanden. Doch bis es soweit ist, müssen sich viele Führerscheinanwärter im Kreis momentan gedulden. Ihre Fahrschulen bekommen nicht ausreichend Prüfungstermine beim TÜV Nord.

Siegen. Fahrlehrer Selim Zengin ist verzweifelt. 13 seiner Schüler sind soweit, dass sie in der übernächsten Woche ihre praktische Prüfung machen könnten, doch nur fünf werden sie tatsächlich antreten. Das Problem: Er bekommt nicht genügend Prüfungsplätze beim TÜV Nord.

„Das ist eine absolute Katastrophe“, beklagt Zengin. In finanzieller Hinsicht, da ihm Plätze gestrichen würden, ohne dass er dafür eine Entschädigung bekomme und ihm dadurch jeden Monat ein Betrag in Höhe des Monatsgehalts eines angestellten Fahrlehrers in seiner Kasse fehle. Vor allem aber für seine Kunden und für das Image der Branche. „Unsere Schüler möchten jetzt gerne die praktische Prüfung machen, da sie im August oder September ihre Ausbildung anfangen und für den Job eine Fahrerlaubnis brauchen und wir müssen sie vertrösten. Viele glauben uns nicht, dass wir da gar nichts für können, sondern denken, dass wir ihnen zusätzliche Stunden aufbrummen möchten, um mehr zu verdienen. Letztlich sorgt das Problem also auch für eine Schädigung unseres gutes Rufes“, so Zengin. 

In den letzten Wochen trete der Umstand in extremem Maße auf. „Ich habe seit Mai 200 Prüfungsplätze bestellt, aber nur 150 bekommen. Das heißt, 50 müssen warten, aber dann kommen schon wieder 50 neue und dann staut es sich immer mehr“, schildert der Fahrschulinhaber. Mit diesem Problem steht Zengin nicht alleine da: „Alle Fahrschulen in Siegen und im Sauerland haben es“, weiß er. Inga Albrecht, Inhaberin der Fahrschule Franke in Siegen, bestätigt, dass sie 50 Prozent weniger Prüfungsplätze pro Woche bekommt als noch vor einiger Zeit. Ihre Fahrschule bietet neben der normalen auch eine sogenannte Intensiv-Ausbildung an, bei der die Schüler ihren Schein schon nach zwei bis drei Wochen in den Händen halten können. Diese Garantie kann sie den Fahranfängern aufgrund der momentanen Situation nicht mehr geben. „Das ist ein großes Problem, dadurch kommt man in Zugzwang“, erklärt sie. 

„Ja, es ist aktuell eine sehr angespannte Situation, es staut sich extrem zurück“, bezeugt auch ein weiterer Fahrschulinhaber aus Siegen. Er findet es wichtig, darüber aufzuklären, dass weder die Fahrschulen noch die Fahrschüler für diese Misere verantwortlich sind. „Wenn die Eltern und Arbeitgeber der jungen Menschen begreifen, dass die Schuld nicht bei uns liegt und dass die Fahrausbildung derzeit deshalb einfach länger dauert, dann wäre uns schon mal ein Stück weit geholfen.“ 

Auf Dauer könne aber nur der TÜV selbst für Entlastung sorgen. Der hat ein Monopol auf die Abnahme der Führerscheinprüfung in NRW. Hier liegt für Inga Albrecht der Hase im Pfeffer. „Wir sind abhängig von denen, das ärgert mich fürchterlich“, so die Fahrschulinhaberin. Und weiter: „Wenn der TÜV seinen Auftrag nicht erfüllen kann, dann muss an anderer Stelle mal geklärt werden, ob dieses Monopol noch haltbar ist.“ 

TÜV sieht Lage weniger dramatisch 

Friedel Thiele, 1. Vorsitzender des Fahrlehrer-Verbandes Westfalen, beobachtet dieses Phänomen nicht nur in Siegen und dem angrenzenden Sauerland, sondern im gesamten Verbandsgebiet, ja sogar bundesweit. „Es ist eine ganz schwierige Situation, die sich enorm zugespitzt hat“, erklärt er. Prüf-Einheiten würden überwiegend gekürzt oder ganze Prüfungstermine zeitlich nach hinten verschoben. „Eine vernünftige Ausbildung ist vielfach nicht mehr plan- oder durchführbar. Dadurch entstehen unseren Kunden unzumutbare Kosten, da sie zusätzliche Fahrstunden zur Überbrückung nehmen müssen. Aber auch die Fahrschulen haben finanzielle Ausfälle. Fahrschüler wechseln teilweise sogar die Schule, weil sie nicht glauben können, dass die Prüfungsorganisation dafür verantwortlich ist.“ Er fordert, dass der TÜV Prüfungsplätze in ausreichender Anzahl zur Verfügung stellt: „Jeder Kunde ist auch Bürger und hat das Recht, nach seiner Fahrschulausbildung zeitnah einen Prüftermin zu bekommen. Außerdem sind die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Fahrschulbetriebe nicht zu unterschätzen.“ 

Grund für dieses Problem ist der gestiegene Bedarf an Prüfungsterminen, der laut TÜV Nord unter anderem aus der Zunahme von Aufträgen für Ersterwerber, aus der Zunahme von ausländischen Fahrschülern und der Zunahme von Durchfallern, die Wiederholungstermine benötigen, resultiert. Der TÜV sieht die Lage aber weniger dramatisch. In der Realität hätten die zugewiesenen Prüfungstermine in den vergangenen Monaten nicht abgenommen, sondern sogar noch zugenommen. „Durch Einsatz von Mitarbeitenden aus anderen Arbeitsgebieten und Nutzung von Mehr- sowie Samstagsarbeit ist es uns im ersten Halbjahr 2018 gegenüber dem ,Rekord’-Vorjahr gelungen, nochmals gut fünf Prozent mehr Prüftermine anzubieten bzw. durchzuführen“, schreibt das Unternehmen in einer Stellungnahme. Durch die erhöhten Anforderungen der einzelnen Fahrschulen, insbesondere auch im Hinblick auf den Ferienbeginn, komme es jedoch vor, „dass nicht jede Terminanforderung direkt auch in vollem Umfang erfüllt werden kann“. So seien aktuell Wartezeiten in der Terminbestätigung nicht gänzlich zu vermeiden. „Mit den bereits vorgenommenen Personaleinstellungen, die in Kürze ihre Ausbildung abschließen werden und dann entsprechend eingesetzt werden können, sollte sich die Lage insgesamt wieder entspannen“, ist der TÜV aber überzeugt. 

Inga Albrecht findet, dass diese Maßnahmen zu spät kommen. Gerade im Hinblick auf die gestiegene Zahl ausländischer Führerscheinanwärter sei das Problem „vorhersehbar“ gewesen: „Dass wir mehr ausländische Fahrschüler haben, ist ja nicht erst seit gestern so.“ Ihr Siegener Kollege glaubt nicht, dass sich die Lage so rasch wieder entschärfen wird: „Die Frage ist, ob die ganzen neuen Mitarbeiter beziehungsweise die Mitarbeiter aus den anderen Arbeitsbereichen dann auch sofort Fahrerlaubnisprüfungen machen dürfen. Und selbst wenn: die müssen dann auch erstmal den ganzen Stau der letzten Monate abarbeiten. Die Situation wird sich in den kommenden ein bis zwei Monaten nicht entspannen. Ich denke sogar, sie bleibt bis zum Ende des Jahres angespannt.“

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