Verteilen statt verschwenden

Initiative "foodsharing" rettet Lebensmittel vor der Mülltonne

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Claudia Hofmann-Gerloff von der Bäckerei Koch hat auch heute wieder viele übrig gebliebene Backwaren für die drei Foodsaver Enis (l.), Malte (2.v.r.) und Lena (r.).

Siegen. „Wir warten noch zwei Minuten“, sagt Malte Niessing (27) und zieht seinen grau-schwarz gemusterten Schal etwas höher ins Gesicht. Lena Teigeler (23) und Enis Bottenberg (34) nicken. Ausgerüstet mit einem kleinen Handwagen stehen die drei gespannt vor dem Bioladen an der Koblenzer Straße. 

Sie sind auch heute wieder in besonderer Mission unterwegs: Sie wollen Lebensmittel vor der Mülltonne retten. Malte, Lena und Enis sind so genannte Foodsaver – Essensretter – beim Verein „foodsharing“ (zu deutsch: Essensteilung). 2012 gegründet, setzt er sich gegen die Verschwendung und für die Wertschätzung von Nahrungsmitteln ein. Die Siegener Ortsgruppe gibt es seit März. Hier gilt: verteilen statt wegwerfen. 

Als Foodsaver holen Malte, Lena und Enis mehrmals pro Woche noch genießbare, aber nicht mehr verkäufliche Lebensmittel bei verschiedenen Geschäften ab, um sie anschließend im Greenspace, dem urbanen Garten am Effertsufer, an die Allgemeinheit zu verteilen. Heute steht als erstes der Bioladen Kraus und Wolf an der Koblenzer Straße auf ihrem Plan. Das Geschäft ist seit Kurzem eins von insgesamt acht im Stadtgebiet, die mit dem „foodsharing“-Verein kooperieren und ihre übrig gebliebenen Waren für die Weitergabe zur Verfügung stellen. Doch hier ist kurz vor Ladenschluss noch jede Menge los. „Wir wollen den Geschäftsablauf durch unsere Abholung nicht stören“, erklärt Malte. Also warten die drei geduldig vor der Tür. 

Nachdem der letzte Kunde gegangen ist, betreten sie den Laden. Jede Abholung ist genau geplant. Wer wann wo und wie abholt, das organisieren die 79 Foodsaver, die es derzeit in Siegen gibt, über ihre Internetplattform. Dabei richten sie sich nach den Geschäften. „Wenn ein Betreiber sagt, dass wir jeden Tag abholen sollen oder nur dreimal pro Woche oder sonntags, dann tun wir das“, berichtet Malte. Er ist heute als „Chefabholer“ beim Bioladen eingetragen und kramt seinen „foodsharing“-Ausweis aus der Manteltasche. Den hat jeder Foodsaver, damit die Betriebe sichergehen können, dass ihre Waren auch an der richtigen Stelle ankommen. Als der Lehramtsstudent das laminierte Stück Papier vorzeigt, lacht Verkäuferin Bianca Moos herzhaft und winkt die drei an der leer geräumten Brottheke vorbei nach hinten durch. Hier kennt man sich schon, na klar. 

Im Lagerraum überreicht sie den Foodsavern eine grüne und eine schwarze Kiste voll mit Obst und Gemüse. Kohlrabi, Weintrauben und Pilze hat sie unter anderem eingepackt. „Foodsharing ist eine tolle Sache. Es ist doch besser, sie nehmen die Waren mit und man kann damit anderen noch eine Freude machen, als wenn die Sachen im Müll landen“, erklärt die blonde Ladenmitarbeiterin und drückt den Essensrettern auch noch ein paar übrig gebliebene Backwaren in die Hand. Malte, Lena und Enis freuen sich. „Ist ja cool, vielen Dank!“ Eilig stapeln sie die Lebensmittel, für die sie per Rechtsvereinbarung nun die volle Verantwortung tragen, auf die klapprige Transporthilfe und zurren sie mit gelben und blauen Gummibändern fest. „Den Handwagen und die Bänder haben wir übrigens geschenkt bekommen. Das ist so praktisch, damit sind wir nicht mehr aufs Auto angewiesen“, strahlt Malte. Noch ein kurzes „Bis zum nächsten Mal“, dann huschen die drei durch die eiserne Hintertür wieder nach draußen. 

Auch beim Bioladen an der Koblenzer Straße holen die Siegener Foodsaver regelmäßig ab. Verkäuferin Bianca Moos übergibt Malte heute Backwaren, Obst und Gemüse.

Den kurzen Fußmarsch zum Café Bienenstich am Bahnhof, der zweiten Adresse des Abends, nutzt das Grüppchen zum Plaudern. „Foodsharing hat auch etwas mit Geselligkeit zu tun. Man lernt immer neue Menschen kennen, das ist toll. Allein deshalb lohnt es sich schon“. In erster Linie geht es ihnen aber um die Lebensmittelrettung. Rund 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel landen jedes Jahr in den Mülltonnen dieser Welt. 1,3 Milliarden Tonnen zu viel in den Augen der Studenten und des Buchhalters. Sie wollen für das Thema sensibilisieren, den Nachhaltigkeitsgedanken verankern und Menschen dazu bringen, das eigene Konsumverhalten zu reflektieren. „Es mag paradox erscheinen, aber eigentlich freuen wir uns auf den Tag, an dem wir und das ‚foodsharing‘ nicht mehr gebraucht werden, weil es keine Lebensmittelverschwendung mehr gibt“, lachen sie. Ihr Engagement also ein Beitrag zur Weltverbesserung? „Das klingt sehr pathetisch. Man könnte vielleicht sagen, dass jeder seine Nische finden kann, und das hier ist eben meine“, erklärt Malte. Und Enis fügt hinzu: „Miteinander zu teilen gehört für mich zum gesellschaftlichen Leben.“ 

Im Café Bienenstich werden sie von Claudia Hofmann-Gerloff schon erwartet. „Heute sind es etwas weniger Laibe, vor dem Feiertag haben die Leute viel Brot gekauft“, erläutert die sympathische Verkäuferin. Dennoch sind fünf Kisten voll mit Brot, Brötchen, Teilchen und Croissants für die Foodsaver übrig geblieben. 

Die Bäckerei Koch ist „Spitzen-Abgeber“: Mehr als eine Tonne Backwaren hat der Traditionshandwerkbetrieb, der auch die Siegener Tafel und die Wohnungslosenhilfe der Diakonie unterstützt, schon an „foodsharing Siegen“ gespendet. Dafür gab es kürzlich sogar eine Urkunde vom „foodsharing“-Verein. „Bäckereien haben oft das Problem, dass die Kunden kurz vor Ladenschluss noch eine große Auswahl an frischen Backwaren haben möchten. Deshalb bleibt gerade dort viel übrig“, weiß Malte. Claudia Hofmann-Gerloff freut sich, gemeinsam mit ihrem Arbeitgeber einen Beitrag zur Lebensmittelrettung leisten zu können: „Das ist eine tolle und sinnvolle Aktion, da machen wir sehr gerne mit – und das mit ganzem Herzen“, sagt sie. 

Die Bäckerei Koch ist "Spitzen-Abgeber": Über eine Tonne Backwaren hat der Traditionshandwerkbetrieb schon an "foodsharing gespendet. Dafür gab's kürzlich eine Urkunde.

Ein paar Ecken weiter wartet Barbara Krumpholz, ebenfalls Foodsaverin. Bei ihr angekommen, breiten Malte, Lena und Enis unter dem schwachen Licht einer Straßenlaterne ihre gesammelten Werke aus. Da sie die Sachen in den Läden abgeholt haben, dürfen sie sich auch als erstes etwas davon aussuchen. „First pick“ heißt das im „foodsharing“-Fachjargon. Anschließend dürfen sich die anderen Foodsaver bedienen. Barbara Krumpholz packt ein Stück Kuchen in ihren Jutebeutel und ein paar Brötchen, „fürs Frühstück morgen.“ „Nimm dir noch was“, fordert Malte sie auf und zeigt auf die noch immer gut gefüllten Kisten, doch Barbara schüttelt den Kopf. „Nee, das können wir doch gar nicht alles essen.“ 

Barbara Krumpholz ist ebenfalls Foodsaverin. Deshalb darf sie sich von den gesammelten Lebensmitteln als erstes etwas aussuchen. Das ist beim "foodsharing"-Verein Regel. "First pick" heißt das.

Alles, was jetzt noch übrig ist, bringen Malte, Lena und Enis also zum Effertsufer. Hier verteilen sie die Sachen nach einer Vorsortierung an die Allgemeinheit. Anders als die Tafel verfolgen sie mit ihrer Aktion keinen karitativen Zweck. „Wir wollen nur, dass die Lebensmittel gegessen werden, ganz egal von wem“, erklärt Lena. Deshalb kann zum Greenspace jeder kommen und sich etwas abholen, einen Bedürftigkeitsausweis muss keiner vorzeigen. Deshalb stellen sich die Foodsaver bei Unternehmen, die mit der Tafel kooperieren, aber auch hinten an. 

Alles, was jetzt noch übrig ist, bringen die Foodsaver mit ihrem Handwagen zur Verteilung in den Greenspace am Effertsufer.

Rund 20 Leute warten heute im Greenspace. Die sind auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen, denn der urbane Garten ist völlig unbeleuchtet, die nächtliche Dunkelheit hat hier alles eingenommen. Erst ein näheres Herantreten und genaueres Hinsehen offenbart ihre Anwesenheit: Es sind Männer und Frauen, kleine und große, junge und alte, deutsche und ausländische. Unter ihnen befindet sich Wolfgang, der Spender des Handwagens, ein gemütlich wirkender Kerl. „Ich hatte keine Verwendung dafür und da hab ich gedacht, ich könnte den Menschen, die mir mit kostenlosem Essen was Gutes tun, doch auch mal was Gutes tun. Schön, dass sie sich so darüber freuen“, meint er. Neben ihm steht Reiner Bäcker aus Kreuztal. Er ist mit dem Rad gekommen – nicht wegen des Essens, sondern weil ihn das Konzept interessiert und er die Hoffnung besitzt, so etwas auch in seiner Stadt etablieren zu können. Die anderen bedienen sich an dem, was die Foodsaver mitgebracht haben. 

Eine halbe Stunde später sind die Kisten so gut wie leer. Nur zwei halbe Schwarzbrote und zwei Brötchen sind noch da. Die legt Enis jetzt in den „Fair-Teiler“, ein kleines Gartenhäuschen auf dem Gelände, rund um die Uhr geöffnet. Hier kann sich ebenfalls jeder bedienen. Morgen früh werden auch die zwei halben Schwarzbrote und die Brötchen weg sein, da ist Enis sicher: „Es ist noch nie vorgekommen, dass am nächsten Tag noch etwas da war.“

Übrigens: Nicht nur Geschäfte können überschüssige Lebensmittel mittels „foodsharing“ an andere abgeben, sondern vor allem auch Privatpersonen. Wer zum Beispiel vor einem Urlaub noch einen vollen Kühlschrank oder für die letzte Party zu viel eingekauft hat, kann sich unter www.foodsharing.de als so genannter Foodsharer registrieren und seine Lebensmittel kostenlos anderen anbieten. Dort gibt es auch mehr Infos zur Initiative und darüber, wie man vom Foodsharer zum Foodsaver werden kann. Alles Wissenswerte rund um die Siegener Ortsgruppe zudem bei Facebook unter "Foodsharing Siegen". 

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