Heimisches Filmteam schon erfolgreich auf Festivals 

Independent-Film „Das letzte Land“ feiert Siegerland-Premiere im Viktoria-Kino

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Marcel Barion und das Modell des Raumschiffs  aus dem Film „Das letzte Land“.

Siegen/Dahlbruch. Mal ehrlich: Ein paar Leute, die nie eine Filmhochschule von innen gesehen haben, bauen in einer Lagerhalle in Feudingen ein Raumschiff und drehen dort einen Science-Fiction-Streifen – das klingt doch exakt so: nach Fiktion. Geht nicht. Gibt’s nicht. Und doch feiert „Das letzte Land“ am Samstag, 23. Februar, seine Siegerlandpremiere.

Mit Betonung auf „Siegerland“, denn erstmals gezeigt wurde der Film im Januar beim 40. Festival Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken, und das war schon eine ziemliche Ehre, schließlich handelt es sich hier nicht um ein Science-Fiction-Festival. Zunächst, erzählt Marcel Barion, habe es viele Absagen gegeben, doch jetzt sind die Türen offen. Erst vor Kurzem hat das Sci-Fi-London Festival zugesagt – noch eine Premiere also, diesmal im Ausland. Und vom Berlin Independent Film Festival haben die Macher neulich den Preis in der Kategorie „Best Sci-Fi / Horror Feature“ mit nach Hause gebracht. 

Johannes Bade, Marcel Barion und Carolin Utsch mit einigen Requisiten und dem Modell des Raumschiffs.

Phantasie, Kreativität, Durchhaltevermögen, Leidenschaft und nicht zuletzt der Glaube an sich selbst und das, was man tut, machten es möglich. Mangelnde Erfahrung kompensierte das Team mit Zeit, lernte beim Tun (und aus diversen Making-Offs), manches entstand parallel zum anderen. Immer wieder habe sie das Projekt mit „Das ist schon was Richtiges!“ verteidigen müssen, erinnert sich Carolin Utsch, eine der vielseitigen Helferinnen, schmunzelnd. 

Die Wüste: ein Pfannkuchen

Das Erstaunliche, neben dem Umstand, dass hier keine Profis am Werk waren, ist, dass der Film, von der Nachproduktion abgesehen, ohne Computer entstand. Löcher im schwarzen Karton: Sternenhimmel. Acrylfarbe im Aquarium: Gasnebel. Speisestärke-Formationen: Sternenstaub. Die Wüste: ein Pfannkuchen. Das alles in einem an die späten 70er- und frühen 80-er angelehnten Produktionsdesign. 

Recht Retro also, und warum das Ganze? Es ist eigentlich ganz banal: „Wir fanden die Sachen, die damals im Kino liefen, nicht gut“, erklärt Johannes Bade. Beim Besuch des Siegerlandkurier ist Marcel Barion gerade dabei, ein paar Requisiten für die kleine Ausstellung im Viktoria-Kino (siehe unten) zusammenzustellen. Regalmeter voller DVDs zeugen von seiner großen Leidenschaft fürs Cineastische. 

Auf dem Tisch davor liegt der Helm: im Film von zentraler Bedeutung und offensichtlich immer schon ein Helm gewesen. Aber dieses Sauerstoffgerät dort? Da braucht es schon einen zweiten Blick, um zu erkennen, dass ein Kanister darin verbaut ist. „Was soll besser aussehen als das?“, fragt Marcel, die Aufnahme einer durchs All schwebenden Raumstation hochhaltend: düster, monströs – und aus Styropor. Was nach Persiflage klingt, ist derart überzeugend geraten, dass zum Beispiel der „Tagesspiegel“ lobt: „Das Ergebnis ist beachtlich und atmosphärisch dicht, eine Art ,Das Boot’ im Weltall.“ 

Crowdfunding machte es möglich 

„Wir wollten vermeiden, dass ein Bügeleisen ein Bügeleisen ist,“ meint dazu Johannes Bade. Diesen Sperrmüllblick aber, den würden sie wohl nie mehr verlieren, lacht er. Denn zu gebrauchen war einfach alles. Den Stuhl im Raumschiff gab es für zwei Euro – früher Zahnarztsessel, heute Filmstar, so kann’s gehen. Die Waschmaschine übernimmt eine etwas undankbare Rolle als Klo (und Computerterminal). Der Film, der mit 20.000 Euro Produktionskosten locker als „no budget“ durchgeht, wurde zu zwei Dritteln durch Crowdfunding und eine Spende der Bürgerstiftung finanziert. 

Der Großteil davon floss in den Bau des Raumschiffes. Eine erste Skizze aus dem Jahr 2009 (die eigentliche Produktion dauerte von 2012 bis 2019) zeigt das Herzstück der Filmaufnahmen im embryonalen Stadium, zwei Jahre später sieht es schon detaillierter aus. Das fertige Modell, zusammengepuzzelt (u.a.) aus anderen Modellen, diente zu Außenaufnahmen. Das „echte“ Raumschiff hat ein Skelett aus Stahl und Holz. Noch in der Nacht vor Drehbeginn ramponierten sie ihr Schiff außen künstlich mit Gips – bis der alle war. Baumeister Massimo Müller empfahl Mehl, und davon fehlte anderntags in der Bade’schen Küche ziemlich viel. Johannes lacht, wenn er das erzählt, damals war ihm eher zum Heulen zumute. 

Das Raumschiff in einem frühen Stadium seiner Entstehung. 

Zwei Wochen Dreharbeiten in diesem Raum von der Größe eines Wohnmobils mit Anhänger, da wurde es eng, auch zeitlich, schließlich hatte Milan Pešl ein Theaterengagement. Zusammen mit Torben Föllmer übernahm er die tragenden, weil einzigen Rollen in dieser Mischung aus Kammerspiel, Roadmovie und Thriller, die mehr zufällig in einem Science-Fiction-Setting angesiedelt ist. Denn zuallererst war da ein Bild: „Ich wollte einfach ein Raumschiff bauen“, lächelt Marcel Barion. „Das Thema kam dann fast wie von selbst, weil das Setting es erfordert.“ 

Zwei ungleiche Männer, Gefängnisausbrecher Adem und Deserteur Novak, flüchten in einem alten Raumschiff von einem öden Planeten und suchen ein neues Zuhause. Aber wo könnte das sein? Sie haben von einem Ort namens Erde gehört, doch gibt es den wirklich? Und was ist mit der Crew des Schiffes passiert? Wo kam es her? 

Keine Grenzen, aber nirgends daheim

Suchen und finden, Themen so alt wie die Menschheit. Das Weltall eigne sich als Setting, „weil das ein Bereich ist, den man als Mensch noch entdecken kann“, so Marcel Barion. „Ein Bild für grenzenlose Freiheit“, wirft Carolin Utsch ein – die aber, ergänzt Marcel, eben nicht nur positiv besetzt, sondern auch bedrückend sei: „Es ist nicht gut, wenn sie überall hinkönnen, aber nirgends zu Hause sind.“ 

Neunmal haben sie ihren Film jetzt schon auf Leinwand gesehen. Das erste Mal sei „ganz schlimm“ gewesen, erinnert sich Marcel: Nicht etwa weil sie ihr Werk furchtbar fanden, sondern wegen dieses Gefühls der Ohnmacht. Und dann findet man natürlich noch dies und das, ist hier ein Nachjustieren erforderlich und dort. Aus dem ursprünglich als „kompakt“ angelegten Projekt ist über die Jahre etwas Großes geworden. „Und wir hatten ja alle Jobs!“, erinnert Carlin Utsch. Was andererseits gut war, um zwischendurch etwas Abstand zu gewinnen. 

Jetzt: Lorbeerkränze sammeln

Um Geld ist es ihnen nie gegangen – alle Beteiligten arbeiteten ohne Gage –, wohl aber um die Anerkennung. Davon gibt es jetzt immer mehr. Trotzdem ist es natürlich etwas Besonderes, den Film im Siegerland zu zeigen, vor Spendern, Familie, Freunden, Kollegen. Die Filmemacher freuen sich über die Unterstützung von Viktoria-Betreiber Jochen Manderbach: nicht nur habe er ihnen gute Spieltermine gegeben, sondern ihnen auch vor der Premiere in Saarbrücken den Saal für Probeläufe zur Verfügung gestellt. 

Novak (l.) und Adem. 

Etwa ein Jahr lang soll „Das letzte Land“ auf Festivals laufen, „wir haben noch mehr davon in der Pipeline“, verrät Johannes. Und je mehr „Lorbeerkränze“, desto größer das Interesse eines potenziellen Verleihs. Schließlich war „Das letzte Land“ von Anfang an fürs Kino gedacht. 

Die Kern-Crew besteht inklusive der Darsteller ausschließlich aus Siegerländern: 

  • Kulturwissenschaftler Marcel Barion: Regie, Drehbuch, Kamera, Beleuchtung, Montage und Musik, 
  • dies zusammen mit Oliver Kranz (auch Ton); „der Dritte im Bunde, der das ordentlich gelernt hat“; 
  • so wie Schreinermeister und Bautechniker Massimo Müller: Produktion, Szenenbild, Ausstattung, Tricktechnik,
  •  SoftwareentwicklerJohannes Bade: Produktionsleitung, Szenenbild, Ausstattung, Tricktechnik 
  • und Medienwissenschaftler Philipp Bojahr: Produktion, Szenenbild, Ausstattung, Tricktechnik und Set-Elektronik, dazu nach Bedarf wechselnde Helfer. Weitere Infos und Trailer: www.dasletzteland.de.

    „Das letzte Land“ im Siegerland


    • Samstag, 23. Februar, um 20 Uhr; im Anschluss findet eine Fragerunde mit dem Filmteam statt, moderiert vom Siegener Filmwissenschaftler Kai Naumann. Danach sind alle Besucher zur Premierenfeier eingeladen. 
  • Sonntag, 24. Februar, um 17.30 Uhr und 
  • Mittwoch, 27. Februar, um 20 Uhr. Bei allen Vorstellungen wird das Filmteam dabei sein und von der Entstehung des Films berichten. Unterstützt wird die Filmcrew bei ihrem Siegerland-Gastspiel auch von den Filmkunstfreunden Dahlbruch. 

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