„Live-Schalte" vom Operationstisch

Robotische Chirurgie: Marienkrankenhaus ist internationales Ausbildungszentrum

Letzte Vorbereitungen: Prof. Dr. Dietmar Stephan (links) dockt den Roboter Arm an die Instrumente an. Foto: Tina Falkenhain

Siegen. Im OP-Bereich des St. Marienkrankenhauses in Siegen ist es heute ganz schön voll. Es riecht nach Desinfektionsmittel, alle haben sich in ihr „OP-Grün“ gewickelt, tragen Gummi-Latschen, Hauben auf dem Kopf und einen Mundschutz. Mitten im OP liegt schon ein Patient in Narkose auf dem Tisch. Leistenbruch. Eigentlich eine Routine-Operation. Ein ganz normaler Tag in der Chirurgie. Wenn, ja wenn da nicht ein Roboter, eine Handvoll Journalisten und eine Live-Schalte nach Orlando (Florida) wären.

Vorsichtig dockt Prof. Dr. Dietmar Stephan, Leiter der Abteilung für Minimal-invasive und robotische Chirurgie, die rund 250 Kilo schweren Roboter-Arme an die feingliedrigen Instrumente an, die sich schon – pardon, jetzt wird es etwas anschaulich – im Bauch des Patienten befinden. Ruhig gibt er letzte Anweisungen und begibt sich an seinen Platz. Das ist aber nicht der OP-Tisch, sondern ein Stuhl vor einer Konsole und einem Bildschirm in einer Ecke des Saals. Er setzt sich etwas auf die Nase, das nach Sonnenbrille aussieht, in Wirklichkeit aber eine 3D-Brille ist. Durch sie sieht er hochauflösende Bilder „live“ aus dem Bauchraum seines Patienten – in 16-facher Vergrößerung. Ein Eye-Tracking-System verfolgt die Augenbewegungen des Chirurgen, wodurch auch die Kamera gesteuert wird. Mit seinen Händen bedient er die Konsole, die Bewegungen werden übertragen und vom Roboter ausgeführt.

Prof. Dr. Dietmar Stephan steuert den Roboter-Arm per Konsole. Durch eine §D-Brille sieht er Bilder aus dem Bauchraum des Patienten in 16-facher Vergrößerung.

Aber nochmal alles der Reihe nach: Seit 2017 kommt im Marienkrankenhaus bei vielen Routine-Operationen wie Leistenbrüchen, Eingriffen an Magen, Darm oder Galle das Robotic-System „Senhance“ zum Einsatz. Das bedeutet: Der Patient muss nicht aufgeschnitten werden – der Eingriff erfolgt per Schlüsselloch-Technik durch kleine Schnitte in der Bauchdecke. „Der Roboter setzt die Bewegungen ermüdungsfrei und ohne Zittern um“, erläutert Prof. Dr. med. Frank Willeke, Chefarzt der Chirurgischen Klinik, die Vorteile des Verfahrens. Das mache präzise Schnitte im Millimeter-Bereich möglich. Wie die Chirurgen berichten, ist das Marienkrankenhaus mittlerweile eines der weltweit führenden Ausbildungszentren für diese Technologie. „Allein im ersten Jahr haben wir 100 Operationen durchgeführt“, so Willeke. Nach zwei Jahren seien es bereits über 300. „Es gibt keine Einrichtung, die so viel Erfahrung mit diesem System hat“, so der Chefarzt. Weltweit gebe es erst 25 „Senhance“-Systeme, es würden aber deutlich mehr, so Prof. Stephan. Deshalb bestehe ein hoher Ausbildungsbedarf.

Das Grundtraining (Theorie) finde in Mailand statt. „Zur praktischen Ausbildung kommen die Kollegen aber häufig zu uns.“ Schnell habe ein regelrechter „Tourismus“ eingesetzt, erzählt Prof. Willeke. Über 150 Chirurgen von nationalen und internationalen Kliniken ließen sich in den vergangenen zwei Jahren von den Siegener Kollegen das Verfahren zeigen. In den USA sei „Senhance“ noch nicht so lange zugelassen wie in Deutschland – deshalb sei der Schulungsbedarf dort derzeit besonders hoch. „Mehrmals im Jahr fliege ich rüber, um den Kollegen das Verfahren zu zeigen.“ In letzter Zeit seien die amerikanischen Mediziner aber verstärkt nach Siegen gereist, was natürlich einen sehr hohen Aufwand bedeutet. Und das ist auch der Grund für die heutige erstmalige Live-Übertragung nach Florida: Die Kollegen können bequem per Bildschirm und Internet bei der Operation zuschauen und Fragen stellen, die von Prof. Stephan beantwortet werden. Er erklärt den Kollegen ganz detailliert jeden Schritt, während die Amerikaner die OP auf einem Bildschirm verfolgen. Um allen Beteiligten das Leben etwas zu erleichtern, sollen solche Live-Schalten laut Willeke und Stephan ab sofort öfter stattfinden.

Vor dem OP wurde die Technik für die „Live-Schalte“ in die USA aufgebaut.

Auch die Patienten gäben ein positives Feedback, weiß Chefarzt Willeke: „Rund 90 Prozent wollen mit Roboter-Assistenz operiert werden.“ Rund 1,8 Millionen Euro kostet so ein „Roboter“ in der Anschaffung – Willeke und Stephan sind der Meinung, dass sich diese Investition gelohnt hat: „Unsere Geschäftsführung war damals sehr mutig.“

Das Marienkrankenhaus als Ausbildungszentrum für robotische Chirurgie biete ebenfalls viele Möglichkeiten im Hinblick auf die lebenswissenschaftliche Fakultät der Uni Siegen – auch in die Forschung könne man sich auf diese Weise einbringen.

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