Eray Günes und Tobias Kysel auf großer Tour 

Opel Bertas Abenteuer: Zwei Siegerländer beim Baltic Sea Circle 

Start in Hamburg: links Tobias Kysel, rechts Eray Günes. 

Siegen/Dahlbruch – Beim Heiligen Christopherus – wie das wohl ohne Hardy geendet wäre! Vielleicht überhaupt nicht, denn um ein Haar hätte Berta sich ihren großen Auftritt im Rallyezirkus abschminken können.

Doch von vorn: Im Juli berichtete der Kurier über Tobias Kysel, Erzieher, und Eray Günes, Optiker, die mal ein bisschen was anderes machen wollten als das, was sie sonst so tun. Also beschlossen sie, als 57RacingCrew am Baltic Sea Circle teilzunehmen: einer 7500-Kilometer-Rallye von Hamburg nach Hamburg, binnen 16 Tagen durch Deutschland, Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Polen, und das fast ohne Autobahn. 

Als Vehikel hatten sich Tobias Kysel und Eray Günes einen 20 Jahre alten Opel Zafira umrüsten lassen. Berta, benannt nach der Haushälterin in „Two and a half Men“, hatte schon zum Zeitpunkt des Starts über 240.000 Kilometer auf der Uhr. Die gute Nachricht vorweg: Berta lebt noch und erfreut sich (wieder) bester „Gesundheit“. Das gleiche gilt für ihre beiden Piloten. 

Dabei hätte schon auf der Strecke zum Start einiges schiefgehen können – und an dieser Stelle kommen wir zu dem mann namens Hardy Leben. „Der Weg zur Rallye war heikel“, berichtet Tobias Kysel. Schon auf der Autobahn Richtung Hamburg fiel den Beiden (von denen sich keiner jemals als Schrauber hervorgetan hätte) ein Poltern am Wagen auf, das mit jedem Kilometer lauter wurde. Weil die schließlich angesteuerte Werkstatt nicht den besten Eindruck machte, beschlossen sie: „Wir ziehen durch.“ 

Am windigen Nordcap

In Hamburg angekommen, gelangten die Freunde auf Umwegen zu Hardy, einem früheren Rallyeteilnehmer, der sich auch dadurch hervorgetan hatte, dass er unterwegs wiederholt liegengeblieben Teams behilflich gewesen war. Vermutlich kann der Mann gar nicht anders, ist er doch hauptberuflich „Engel“ bei einem großen deutschen Automobilclub. Hardy nun besah sich das Problem und gelangte zu einer haarsträubenden Diagnose: An einem Rad waren vier von fünf Bolzen gebrochen. Da war es 23 Uhr. 

Nächtliche "Not-OP" auf dem Fischmarkt

Statt die Teilnahme verloren zu geben, packte Hardy an, und was er selbst nicht an Werkzeug zur Verfügung hatte, das steuerten die anderen Teilnehmer bei. Im Dunkeln, mitten auf dem Fischmarkt. Alles, damit die beiden ihm unbekannten Männer mit ihrer Berta an den Start gehen konnten. Und alles für lau. Dieser Geist sollte Kysel und Günes durch die folgenden Wochen tragen, nachdem sie am nächsten Morgen gemeinsam mit den übrigen 279 Teams losgerollt waren. „Alle sind unfassbar hilfsbereit, untereinander so herzlich!“, schwärmt Günes noch jetzt. 

Zunächst zockelten die Siegerländer in der Kolonne, zogen dann auf eigene Faust los. „Wir wussten einfach: jetzt wird uns nichts mehr passieren!“, beschreibt Günes das Gefühl nach der geglückten Not-Op am Opel-Rad. Und tatsächlich haben die Beiden unterwegs nicht mal Öl nachgefüllt, bloß noch ein Abblendlicht ausgetauscht. An Bord: viel zu viele Konserven, mehr als 20 Liter Wasser, dazu Werkzeuge, eine Kleiderkiste für jeden, ein Backgammonspiel, eine Shisha. 

Das Spannendste sei der Austausch mit den anderen Teams und die Begegnungen am Rande gewesen, meint Kysel. In Schweden führten sie tolle Gespräche mit einem norwegisch-holländisch-deutschen Herrentrio, an der Grenze zu Finnland trafen sie ein äußerst sympathisches finnisches Pärchen, auf der Lofoten-Party stürzten sie sich gemeinsam mit den übrigen Teilnehmern unter Gebrüll ins 5 Grad kalte Wasser. 

Abbas Tourbus auf dem Autofriedhof

Zu einer Rallye gehört auch, dass unterwegs Aufgaben gelöst werden. „Wir waren zuerst total motiviert“, berichtet Tomias Kysel, „aber dann überlegt man sich: sind Umweg und Aufwand das wert“. Trotzdem: Die beiden haben den Stinkefisch Surströmming immerhin probiert (Eray Günes: „Das geht nur, wenn man sich die Nase zuhält“), ihn aber nicht wie gefordert geöffnet spazieren gefahren. Sie erlebten eine Wikingertaufe, entdeckten auf einem Autofriedhof in Ryd (Schweden) einen verrotteten Bus, der vielleicht mal Abba gehörte, trafen in Ravaniemi den Weihnachtsmann, suchten und fanden in Kerimäki (Finnland) eine überdimensionierte Holzkirche und in Rummu (Estland) ein versunkenes Gefängnis – „geschwommen sind wir da aber nicht“, lächelt Tobias Kysel. 

Die Beiden stellten fest: In Schweden liegt auch im Sommer Schnee. Bären trafen sie unterwegs keine, dafür aber reichlich Rentiere und einen Elch. Sie lernten, dass man auf estnischen Straßen „schauen muss, dass man überlebt“ und bibberten bei vier Grad und „wahnsinnigem Wind“ am Nordcap. 

"Haben uns nochmal anders kennen gelernt"

Eine Herausforderung stellte die Rallye auch an das Zwischenmenschliche. Das so nüchterne wie ehrliche Fazit: „Wir würden so eine Tour nochmal machen – aber getrennt“. „Man lernt sich nochmals anders kennen“, meint Tobias Kysel, und Günes lacht: „Wir haben uns irgendwann aufgeführt wie ein altes Ehepaar“. Es wird auch nicht einfacher, wenn man des Nachts eine 90 Zentimeter schmale Pritsche teilt. Günes zog irgendwann Hotelbetten vor, was aber nichts mit seinem Co-Piloten zu tun hatte, sondern lediglich der Bequemlichkeit geschuldet war, Kysel tat es ihm später nach, denn: „Ich hatte schließlich auch noch Urlaub.“ 

Spendenübergabe ans Kinderhospiz. 

500 Kilometer am Tag hatten sie sich vorgenommen, an zwei Tagen wurden es sogar jeweils 700 – „da haben wir es übertrieben“, meint Eray Günes selbstkritisch. Fordernd war auch das dauernde Tageslicht ab Nordschweden. Tobias Kysel weiß jetzt: „Man unterschätzt das im Vorfeld.“ Der Kopf sagte „Schlafen“, der Körper sah es nicht ein. Da half nur Mütze über die Augen. 

"Es war eine wahnsinnige Zeit"

Eray Günes, der sich im Vorfeld selbst die Aufgabe gestellt hatte, rauszukommen aus seiner Komfort-Blase, hat gelernt, „alles ein bisschen entspannter zu sehen. Es gibt für alles eine Lösung, auch wenn sie nicht sofort kommt“. Tobias Kysel hat sich als Social-Media-Beauftragter des Teams in diesen Dingen noch ein bisschen fitter gemacht und „nochmal richtig Offenheit gelernt“. Er bilanziert: „Es war eine wahnsinnige Zeit, sowohl die Rallye selbst als auch die Vorbereitungen. Über die kleinen Streitereien lachen wir jetzt.“ Miteinander Reden half auch. 

Er sei erleichtert und ein Stück weit traurig gewesen bei der Rückkehr nach Hamburg, erinnert sich Kysel, und Günes bedauert, nicht noch Riga besucht zu haben. Durch die letzten Länder seien sie einfach nur durchgefahren. So aber hat es für den Zieleinlauf gemeinsam mit den anderen gereicht, für ein Teilnahmezertifikat und ein weiteres dickes Dankeschön an den findigen Kfz-Fachmann vom Fischmarkt. Auch von Berta. 

Sie hat jetzt 251.000 und ein paar Zerquetschte auf dem Tacho, darf sich in einer Garage ausruhen und von ihrem großen Abenteuer träumen. Ein Abenteuer, das sie mit vier Bolzen pro Rad bewältigte – Hardy sei Dank.

1200 Euro für das Kinder- und Jugendhospiz

Zwar haben Eray Günes und Tobias Kysel beim Fahrertausch mit dem späteren Siegerteam einige Kilometer gemacht. Eine eigene Platzierung gibt es für die Beiden aber nicht, weil sie wegen nicht erfüllter Aufgaben unterhalb der geforderten Punktzahl blieben und somit nicht gewertet wurden. Doch das spielte nie eine Rolle, denn gewonnen haben sie doch: Weil das Baltic Sea Circle eine Rallye für die gute Sache ist, sammelte die 57RacingCrew dank Sponsoren 1200 Euro. Die übergaben sie Ende Juli dem Kinder- und Jugendhospiz in Olpe. „Wir sind super zufrieden und superstolz“, freuen sie sich.

Opel Berta auf großer Tour: Zwei Siegerländer beim Baltic Sea Circle 

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