Netzwerk Hochschulsekretariat organisierte erstmals Fortbildung

Alice Schwarzer prominente Rednerin bei „Frauen an der Universität Siegen 2018“  

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Alice Schwarzer (2.v.l.) mit Kanzler und den Organisatorinnen vom Netzwerk Hochschulsekretariat. 

Weidenau. Es ist nicht davon auszugehen, dass sich Ulf Richter mit Alice Schwarzer abgesprochen hat. Aber auch so bekam er die Steilvorlage für einen Rüffel von Deutschlands bekanntester und umstrittenster Feministin prima hin. Eine sympathische Rede habe er da ja gehalten, lächelte Frau Schwarzer vom Podium herunter, „die hätten Sie auch für traditionelle Ehefrauen halten können“.

Dabei wollte sich der Uni-Kanzler zur Eröffnung von „Frauen an der Universität Siegen 2018“ eigentlich nur bedanken bei den Mitarbeiterinnen in den Sekretariaten (und ihrem einzigen männlichen Kollegen): „Wir würden unsere Ziele ohne Ihre fleißigen Hände und guten Ideen nicht erreichen“. Mancher Professor sei regelrecht „lebensunfähig“ ohne seine Mitarbeiterinnen. „Und die Dinge, die noch nicht geschafft wurden: In kleinen Schritten schafft man einen langen Weg. Lassen Sie nicht locker.“ 

Die Dinge, die noch nicht geschafft wurden – in erster Linie ist das ein gerechter Lohn für geleistete Arbeit, wie zuvor Birgit Hoffmann vom  Netzwerk Hochschulsekretariat erläutert hatte. Trotz langwieriger Gespräche mit der Hochschulleitung bestehe hier immer noch Diskussionsbedarf. Zweimal jährlich spricht das Netzwerk beim Kanzler vor, um die Interessen der Kolleginnen zu vertreten. Richter stehe dem Netzwerk positiv gegenüber und habe die Veranstaltung ermöglicht, betonte Hoffmann, dafür gebühre ihm ausdrücklicher Dank. Mit „Frauen an der Universiät Siegen“ organisierte das Netzwerk Hochschulsekretariat, inspiriert von der Ruhr-Uni Bochum, jetzt erstmals eine Fortbildungsveranstaltung mit Workshops. 

Gleichstellungsbeauftragte Dr. Elisabeth Heinrich erinnerte an die Motivation hinter der Netzwerk-Gründung: Vor vier Jahren war es neben der gerechten Bezahlung auch um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, die wachsenden Anforderungen im Job und darum, ob diese in den Tätigkeitsdarstellungen auch richtig abgebildet wurden, gegangen, außerdem um die tarifliche Eingruppierung und besser gestaltete personelle Übergänge in den Sekretariaten, „brennende Themen früher und größtenteils heute“. 

„Nicht unerhebliche“ 44,89 Prozent der Beschäftigten weiblich

An der Uni Siegen sind 1424 Frauen beschäftigt, „nicht unerhebliche 44,89 Prozent des gesamten Personals“, so Hoffmann. 122 von ihnen hatten Porträts von sich anfertigen lassen, um Frauen an der Uni „sichtbar zu machen“. Leibhaftig sichtbar wurden im Audimax am Donnerstag etwa 200, darunter auch Vertreterinnen der Unis Bonn, Duisburg-Essen und Wuppertal, die Alice Schwarzer zuhörten. Deren Verpflichtung hatte Ulf Richter zuvor als ein „mutiges Unterfangen“ bezeichnet. 

„Ohne die Frauenbewegung würden Sie alle nicht hier sitzen“, eröffnete die Feministin, Publizistin und Journalistin mit einem Blick über Reihen. Binnen 40 Jahren sei gegenüber Millionen Jahren Patriarchat viel erreicht worden, „das sind Siebenmeilenschritte“. Einer davon der Zugang zu Bildung und Beruf, wenn auch theoretischer Natur: „Die überwältigende Mehrheit geht immer noch in die klassischen Frauenberufe.“ Die jungen Frauen heute sähen, welchen Stress ihre Mütter mit der Emanzipation gehabt hätten und wollten es anders machen. „Sie können leben wie sie wollen“, schließlich sei schon viel erreicht worden, aber: „Sie landen vor der Wand, spätestens mit Mitte 40, wenn sie sie Tarnkappe aufgezogen kriegen.“ 

Nun wäre ein Vortrag von Alice Schwarzer unvollständig ohne das Thema Männer. Statistisch erwiesen gebe es drei Gruppen: „Die auf unserer Seite, die sich etwas erhoffen von dem veränderten Verhältnis der Geschlechter“. Dann die Opportunisten („Erstmal wegducken und gucken“) und schließlich „die Arschlöcher“. Da sei es aber auch natürlich an den Frauen, auf deren Inszenierung nicht herein zu fallen. „Klar sind Männer unsicher“, meinte Schwarzer auf die Frage aus dem Publikum, wie sie diese Verunsicherung bewertet. „Es wäre ja nicht normal, wenn sie es nicht wären. Ich finde verunsicherte Männer charmant, zu selbstbewusste Männer langweilen.“ 

„Die Debatte um Sprache ist wichtig und doch überzogen.“

Zwiespältig Schwarzers Haltung zur geschlechtergerechten Sprache, schließlich schreibt sie auch selbst. Einerseits: „Wir denken und fühlen in Sprache. So lange Frau da nicht vorhanden ist, ist sie nicht vorhanden.“ Andererseits hält sie selbst es nicht „konsequent feministisch“ durch, erhält dafür auch Rügen von Leserinnen. Fazit: „Die Debatte um Sprache ist wichtig und doch überzogen.“ (Darauf ein sehr einsames Zustimmungsklopfen von irgendwo im Audimax.) Gleichzeitig dürfte man sich nicht einschüchtern lassen. „Die Genderdebatte beherrscht die universitären Millieus, aber die kennt kein Mensch draußen. Elitäre Debatten verselbstständigen sich!“, nahm Schwarzer die Hochschulen ins Visier. 

Nicht ungeschoren davon kamen auch die Medien: „Ich kann nicht umhin festzustellen, dass sie das große Hindernis der Emanzipation sind“ mit ihren „Manövern, die Generationen auseinander zu treiben“. Junge Feministinnen distanzierten sich, wenn sie ein Buch schrieben, zuallererst von Alice Schwarzer, „das ist die Eintrittskarte in die Welt der Herren“. Das nehme sie nicht persönlich, sie stehe nun einmal für den Feminismus. Aber man müsse Konflikte nicht in den Medien austragen, „mich interessiert viel mehr: Was haben wir gemeinsam“. 

Applaus erhielt eine junge Teilnehmerin für die Frage, ob denn die heute übliche Selbstoptimierung nicht auch ein Anpassen an männlich geprägte Strukturen sei, auch mit Blick aufs Workshop-Programm, in dem es unter anderem um das Streben nach Perfektion, den richtigen Style für den richtigen Auftritt und Glück beziehungsweise mehr Lebensfreude im Alltag ging. Man müsse es eben richtig machen, entgegnete Alice Schwarzer nach einer Sekunde, hatte sich allerdings zuvor schon mit ihrer Bemerkung über „den Körper als Hauptschlachtfeld im Krieg der Geschlechter“ klar positioniert: „Wie viel Zeit verbringen wir damit, schlanker zu sein, schöner zu sein ...“ 

„Ich möchte Sie aufrufen: Trauen Sie sich!“

„Wir tun immer so, als ob Frauen Opfer sind“, wandte sich die prominente Rednerin gegen Ende der Veranstaltung an ihr Publikum. „Und da sind die strahlenden Karrierefrauen. In Wahrheit sind wir dieselben Frauen, haben dieselben Demütigungen erlebt, trauen uns nicht, das zuzugeben. Wir müssen die Aufteilung in ,schwach' und ,stark' zurückweisen. Die ganzen Teilungen sind falsch! Das nächste mal mache ich ein Seminar!“ Zur Zeit gehe es weniger darum, noch mehr zu erreichen als das Erreichte zu halten. „Ich möchte Sie aufrufen: Trauen Sie sich! Mit Anpassung haben Sie große Chancen, in der Altersarmut zu landen.“ Es sei nicht so wichtig, was die anderen dächten. „Vor allem: Wollen Sie nicht immer geliebt werden. Achtung ist viel wichtiger.“ 

Ulf Richter erklomm schließlich mit wagenradgroßem Gebinde in der Hand das Podium: „Ich hoffe, Sie mögen trotzdem Blumen.“ – „Trotz was?“ Gelächter im Audimax. Solche Sträuße verschenkten Männer doch nur, wenn sie ein schlechtes Gewissen hätten, grinste Schwarzer, die sich einen Hinweis Richtung Kanzler zur gerechteren Bezahlung selbstverständlich nicht verkniffen hatte. Ein Tipp noch für den Alltag: „Niemals als Frau mit Blumen fotografieren lassen, das sieht bescheuert aus.“

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