"Krieg der Sterne" weckte Begeisterung für Filmgeschichte geweckt

Wie Han Solo im Gefrierfach landete - Filmwissenschaftler Andreas Rauscher spricht über die Star Wars-Saga 

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Entgegen der Vorwürfe des Kult-Regisseurs Kevin Smith aus seiner Komödie „Clerks“ (1994) befanden sich keine neutralen Bauarbeiter mehr an Bord des Todessterns, als ihn die Rebellen in „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ angriffen. Sämtliche Fliesen und Kanonenschächte wurden vom imperialen Militär in Heimarbeit verlegt. Dieser Star-Wars-Fan zeigte mit seinem Bauarbeiter-Stormtrooper-Kostüm auf der New Yorker Comic-Con humoristisch, wie dies ausgesehen haben könnte.

Siegen – In seinem Buch „Star Wars 100 Seiten” beschäftigt sich der Filmwissenschaftler Andreas Rauscher, Dozent an der Uni Siegen, einsteigerfreundlich mit den film- und kulturgeschichtlichen Hintergründen, Vorbildern und Bezügen, die in den drei Star-Wars-Trilogien (1977 bis 1983, 1999 bis 2005 und 2015 bis 2019) vorkommen. Der SiegerlandKurier hat mit Rauscher darüber gesprochen, was ihn als Wissenschaftler an der Saga fasziniert.

In „Star Wars 100 Seiten” lassen Sie immer wieder Star Wars-Anekdoten aus ihrem Leben mit einfließen. Das ist für ein wissenschaftliches Sachbuch eher ungewöhnlich. Warum dieser Ansatz?

Andreas Rauscher: Ich habe schon über Jahre immer wieder Artikel zu Star Wars geschrieben und habe mich als Fan seit Jahrzehnten leidenschaftlich mit dem Franchise beschäftigt. Ich wollte eigentlich schon seit vielen Jahren ein Star-Wars-Buch machen. Ich hatte meine Promotion über Star Trek geschrieben und von daher war mir wichtig, dass ich das andere Franchise – was mich mindestens genauso stark beeinflusst hat – auch mit einem Buch abdecke. Ich hatte vorher bereits beim Reclam Science-Fiction-Lexikon die Einträge über Star Wars geschrieben. Bei der Aktualisierung dachte ich mir dann, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist, wo ja Episode 9 kommt, um daraus ein ganzes Buch zu machen. Das Konzept der Reclam-Reihe „100 Seiten“ ist, dass dabei einerseits populärwissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt werden, aber anderseits es immer einen persönlichen Stil hat. Ich habe viele journalistische Texte verfasst und für mich war es eine schöne Gelegenheit, das Schreiben endlich auch mit den persönlichen Anekdoten, die ich selbst mit Star Wars verbinde, zu kombinieren.

Was ist Ihre persönliche Lieblingsanekdote aus dem Buch?

Rauscher: Wir hatten in den 80ern, als wir mit den Star-Wars-Figuren spielten, keine Möglichkeit, dass wir die Karbonit-Gefrieranlage, in der Han Solo in „Das Imperium schlägt zurück“ eingefroren wird, irgendwo herbekommen konnten. Ich glaube die gab es auch gar nicht. Dann haben wir improvisiert und die Han-Solo-Figur in eine Eispackung geschmissen und diese ins Gefrierfach befördert. Dort blieb er dann, bis wir „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ nachgespielten und Han Solo wieder aufgetaut wurde.

Die Figur war also richtig in einem Eisblock drin?

Rauscher: (lacht) – Ja. Das hat erstaunlich gut funktioniert. Es wirkte relativ nah am Film dran.

Gibt es auch Anekdoten, die es nicht ins Buch geschafft haben?

Rauscher: Es ist das elfte Buch, was ich herausgebe und es war für mich noch einmal ein gutes Training, diese Beschränkung der Reihe auf 100 Seiten einhalten zu müssen. Da ich hier an der Uni Filmwissenschaften und Game Studies unterrichte, ist es für mich natürlich besonders verführerisch den Bereich, der die ganzen Erweiterungen betrifft – wie die tollen Star-Wars-Videospiele – viel ausführlicher zu beschreiben. Da aber alle drei Trilogien, die Erweiterungen in Comics und Romanen und die Videospiele rein mussten, war klar, dass ich dafür nur knapp zehn Seiten haben werden. Da musste ich mich richtig bremsen. Über die Star-Wars-Videospiele hätte ich sicher 50 Seiten schreiben können. Das hätte aber den Rahmen gesprengt.

Filmwissenschaftler Dr. Andreas Rauscher hat ein Buch über Star Wars geschrieben.


Sie beschreiben in ihrem Buch, dass Sie zum ersten Mal in den frühen 80ern mit Star Wars in Berührung gekommen sind und Sie die Saga ihr ganzes Leben lang begleitet hat. Wenn man es kurz und prägnant auf einen Nenner bringen würde: Woran kann man die langlebige Popularität von Star Wars festmachen?

Rauscher: Ein ganz wichtiger Faktor der Faszination ist sicher, dass Star Wars nicht nur Science-Fiction ist, sondern dort sind alle möglichen Genres mit reingemischt. Wir haben mit „der Macht“ ein starkes Element aus der Fantasy, wir haben Elemente aus dem Piraten- und Abenteuerfilm oder auch aus dem Gangsterfilm. „Jabba The Hutt“ und sein intergalaktisches Syndikat könnte genauso gut als Variante des Paten genutzt werden. Wenn man auf eine ganz klassische kulturwissenschaftliche Erklärung geht, dann würde man die Heldenreise des amerikanischen Kulturwissenschaftlers Joseph Campbell nennen, der alle möglichen Mythen weltweit untersucht und dabei eine Grundstruktur herausgearbeitet hat, die immer wieder auftaucht. Diese wird von Star Wars auch erfüllt. Es ist zudem eines der wenigen Franchises – neben Star Trek – wo es gelungen ist, einen Generationenwechsel durchzuführen. In den neuen Filmen kommen die Helden der alten Saga vor, aber auch neue interessante Figuren wie Rey oder Finn.

Was fasziniert Sie heute als Wissenschaftler am Star Wars?

Der ersten Star-Wars-Film von 1977 war der erste Film, den ich im Kino gesehen habe – 1982 in einer Wiederaufführung. Er hat meine Begeisterung und Leidenschaft für die Filmgeschichte geweckt. In Star Wars werden die verschiedensten filmhistorischen Einflüsse verarbeitet. Etwa die Samuraifilme von Akira Kurosawa sind ebenso Einflüsse, wie die klassischen Hollywood-Western von John Ford. Über Star Wars habe ich dann die ganzen Filmklassiker kennengelernt, weil ich angefangen habe nachzuforschen, woher diese Anspielungen kommen. Ich bin der Frage nachgegangen, wer die Regisseure sind, die George Lucas beeinflusst haben. Das war eigentlich der Einstieg, der mich dann nach und nach zur Filmwissenschaft führte. An die Filme waren auch mediale Wendepunkte gekoppelt. Bei der ersten Trilogie war es das Aufkommen der Videospiele, das sich unmittelbar mit bestimmten Filmsequenzen ergänzt. Bei der etwas umstrittenen zweiten Trilogie – bei den sogenannten Prequels – kam die Digitalisierung hinzu. Also der Wechsel von analogen Kameras zu digitaler Bildbearbeitung – was nicht immer zu guten Ergebnissen geführt hat. Jetzt bei der dritten Trilogie die Idee, dass man nicht mehr nur eine Geschichte hat sondern medienübergreifend Geschichten und damit ein ganzen Universum entworfen werden. Dadurch ergeben sich einige Fragestellungen, die film- und medienwissenschaftlich interessant sind.

Der zweite Film der dritten Trilogie „Star Wars - Die letzten Jedi“ wurde von Kritikern gelobt, während ein im Internet sehr lauter Teil der Star Wars-Fanszene dem Film mit Ablehnung und sogar Feindseligkeit begegnete. Wo würden Sie sich einordnen und wie ist diese Diskrepanz ihrer Meinung nach zu erklären? 

Rauscher: Ich fand es ein bisschen absurd, denn ich finde den Film ziemlich hervorragend. Mir hat der Vorgängerfilm aber etwas besser gefallen. Allerdings ist die Kritik an „Das Erwachen der Macht“ nicht von der Hand zu weisen, dass er die Struktur des allerersten Star Wars von 1977 wiederholt hat. „Die letzten Jedi“ machte dann tatsächlich was neues und plötzlich regen sich die Leute darüber auf, dass der Film etwas neues ausprobiert. Das haben die Produzenten wohl unterschätzt. Es gab im Internet sehr lautstarke Kritik und teilweise sind auch Schauspieler terrorisiert werden. Das passt für mich nicht zur aufgeschlossenen Haltung, die die Filme vermitteln.

Mit „Star Wars - Der Aufstieg Skywalkers“ kommt am 19. Dezember der neueste Film in die Kinos. Er bildet den Abschluss der sogenannten Skywalker-Saga, Inwieweit trauen Sie Regisseur J.J. Abrams zu, dass er alles zu einem gelungen Abschluss bringen kann?

Ich glaube das könnte ihm schon gelingen. Abrams kann sehr gut mit Inspirationen und Einflüssen umgehen, die er aus Franchises übernimmt, die ihn geprägt haben. Ein bisschen schwierig könnte es werden, da J.J. Abrams bisher sehr gut darin war, Rätsel zu konstruieren, aber nicht unbedingt geschickt darin, wie man sie auflöst. Daher ist es jetzt schon eine Herausforderung für ihn, dies alles auf zufriedenstellende Weise abzuschließen. Ich glaube aber, dass er sich als Regisseur so gut entwickelt hat, dass es ein interessanter Abschluss wird.

Star Wars ist damit aber noch nicht zu Ende. Neue Filme ab 2023, die erste TV-Realserie „The Mandalorian“ startet im November in den USA und es sind neue Videospiele, Comics und Bücher geplant. Auf was sind Sie am meisten gespannt?

Sehr gespannt bin ich jetzt auf „The Mandalorian“, in der die Kopfgeldjäger im Mittelpunkt stehen. Ein abgefahrener Besetzungs-Coup dabei ist, dass man Werner Herzog, einen der exzentrischsten deutschen Filmemacher für die Serie als Schurken verpflichten konnte. Es wird spannend, wenn hier zwei Welten aufeinandertreffen: Werner Herzog und der Neue Deutsche Filme und Star Wars.

„Star Wars 100 Seiten“ von Andreas Rauscher ist als Taschenbuch im Reclam-Verlag erschienen.

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