„Männerdämmerung“ im Apollo

Spielzeitbuch 2018/19 vorgestellt – 5. Siegener Biennale erstmals mit Berliner Ensemble

+
Die Münchner Kammerspiele bringen als Doppelprojekt „Trommeln in der Nacht“ mit nach Siegen – in einer Fassung von und einer nach Brecht.

Siegen. Spielzeitbuch 2018/19, Seite 2: Der Torso Apollos. Muskulös, knapp oberhalb strategisch wichtiger Stellen abgebrochen, ist er Sinnbild für die „Männerdämmerung“ – Titel der 5. Siegener Biennale vom 30. April bis zum 19. Mai 2019.

Nach „Heimat2“ nun also der Männlichkeits-Begriff auf dem Prüfstand? „Wir beobachten in der öffentlichen Debatte eine radikale Infragestellung des Männlichen und zugleich dessen politische Wiederkehr in seinen negativsten Entscheidungformen“, erläuterte Intendant und Apollo-Geschäftsführer Magnus Reitschuster beim Pressegespräch. Politische Führer im alten Stil wie Erdogan, Trump, Putin und Orban stellten eine anachronistische Form von Männlichkeit zur Schau und scharten Bewegungen hinter sich, die den Anspruch ergäben, sie und nur sie seien das Volk.

Auch deshalb kann Prof. Herbert Landau, neuer Vorsitzender des Apollo-Trägervereins, das im Vorwort des Spielzeitbuchs zitierte Thomas-Mann-Wort (1943) „aus vollem Herzen“ unterschreiben, das da lautet: „Es ist ein entsetzliches Schauspiel, wenn Irrationalität populär wird.“ Zu seiner Wahl sagte der Bundesverfassungsrichter a.D., es sei ihm eine große Ehre, an einem solchen Leuchtturmprojekt mitwirken zu dürfen und damit gleichsam aus der Rolle des Genießers, Betrachters und Beobachters zu schlüpfen. „Der Zusammenhalt wird brüchig“, konstatierte Landau. Was Kunst dagegen ausrichten könne: „Theater kann an die Grundlagen der Toleranz rühren, ein Gegenbild darstellen zu Irrationalität und Populismus, ein Angebot zu Akzeptanz und Toleranz“.

Die Verantwortlichen stellten jetzt das neue Spielzeitbuch und die Biennale vor.

Auch dank „erheblicher Fördergelder“ von Sponsoren werden mit der 5. Biennale erneut zugleich Publikum und bedeutende Theater und Namen aus der gesamten Republik ans Apollo geholt. Darunter erstmals das von Brecht gegründete Berliner Ensemble mit Stuckrad-Barres „Panikherz“; hier wirkt auch Nico Holonics mit, der in Siegen schon in „Große Liebe“ brillierte. Außerdem:

die Münchner Kammerspiele bestreiten das Doppelprojekt „Trommeln in der Nacht“ in einer Fassung von und einer nach Brecht;

Zeit-Kolumnist Harald Martenstein ließt „Vater, Berliner, Mann“;

die Philharmonie Südwestfalen widmet sich der Liebes- und Ehegeschichte von Clara und Robert Schumann;

Dieter Hallervorden und Philipp Sonntag spielen in einer entstaubten Fassung der „Sonny Boys“;

Poetry Slam „Mannoman“;

kommentierte Darbietung von Goethes „Faust I“;

Deutsches Theater Berlin mit Christa Wolfs „Medea. Stimmen“ sowie zwei weitere, zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegebene Vorstellungen.

Im 140 Seiten starken Spielzeitbuch nimmt die Biennale vergleichsweise wenig Platz in Anspruch: „Auch wenn in der letzten Spielzeit mit der Gründung des Jungen Apollo (JAp) Jugendkultur und Jugendkult stärker im Fokus waren: Die Abonnenten und Besucher der klassischen Konzert- und Theaterabende waren, sind und bleiben die Basis des Apollo-Theaters“, versichert Reitschuster. Bürgermeister Steffen Mues macht in diesem Zusammenhang auf eine Verschiebung aufmerksam, die während des Pressetermins wiederholt anklingt: Die Tendenz gehe weg von den Abos hin zum freien Verkauf – kein Siegen-spezifisches Problem freilich. Obgleich die Zuschauerzahlen mit 90.000 pro Jahr stabil und weit über den Erwartungen von vor zehn Jahren bleiben (die bei 45.000 lagen), „müssen wir uns auf neue Herausforderungen einstellen“.

Viele Bälle gelte es zu jonglieren, so formulierte es der neue Vorsitzende: einerseits das Profil weiter auf junges Publikum , „die geistig flexible Jugend“ zu schärfen, ohne dabei den klassischen Teilnehmerkreis zu vergrämen. Mit Ballett zur Musik von Bowies „Heroes“ und dem hochaktuellen „Nathan der Weise“ (plus dessen JAp-Variante „The Magic Ring“) über Houellebecqs provozierendes „Unterwerfung“, die „Neuen Fälle für Sherlock Holmes“ und die vom liebsten Briten vieler Siegerländer, Russell N. Harris, dirigierten British Proms bis hin zum „Tatortreiniger“ und der Eigenproduktion „Im weißen Rössl“ (jawohl!), Apollo-Weihnacht und dem „Kleinen Prinzen“ für Kinder ab 8 spannen die Verantwortlichen jedenfalls einen weiten Bogen – da sind Apollos Gäste wie etwa MusicalKultur Daaden mit „Bonnie und Clyde“ noch nicht aufgezählt.

Info: Das 12. Spielzeitbuch wurde in einer Auflagenzahl von 17.000 gedruckt. Infos auch unter www.apollosiegen.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare