So viele Teilnehmer wie nie zuvor angemeldet

14. Internationale Tagung Wirtschaftsinformatik in Siegen: Einblicke in die Welt der Industrie 4.0

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Florian Jasche (vorn) entwickelte mit einer Kommilitonin diese Brille. Hier schreibt er an ein für den Zuschauer von außen imaginäres, für ihn virtuelles Whiteboard. Im Hintergrund: Dr. Christian Stoffers vom Zentrum für Digitalisierung der Wirtschaft (ZDW) Südwestfalen, kurzzeitig ebenfalls in der „erweiterten Realität“ unterwegs.

Siegen. In der Ecke liegt ein Sitzsack, da vorn hängt ein Whiteboard, dort steht ein niedriges Regal und da – da schwebt ein Stift. Wirklich?! Ja. Und nein. Denn wir befinden uns nicht am Arbeitsplatz von Alexander Gerst, sondern in der erweiterten Realität, „augmented reality“ auf Englisch. Die ist nichts für Leute mit empfindlichem Gleichgewichtssinn. Der Siegerlandkurier blickte trotzdem durch eine sehr spezielle Brille in die Zukunft – auf der 14. Internationalen Tagung für Wirtschaftsinformatik.

Noch bis zum 27. Februar dreht sich in der Siegerlandhalle in Vorträgen, bei Workshops und an zahlreichen Ständen  alles um die Digitalisierung der Arbeitswelt von morgen, der Industrie 4.0. Für das Siegerland und für ganz Südwestfalen ist die Veranstaltung von einiger Bedeutung (siehe weiter unten), da sind die Veranstalter sicher. Florian Jasche ist ein Teilnehmer von über 700; die Brille, die der wissenschaftliche Mitarbeiter der Universität Siegen als Projekt für seine Masterarbeit zusammen mit einer Kommilitonin entwickelte, ist ein Baustein von vielen – ein Pixel besser gesagt – im spannenden Gesamtbild dessen, was möglich ist und möglich werden kann. 

Jasches Brillen verbinden Menschen an verschiedenen Orten in einem Raum optisch miteinander. Dort die Kollegen in der Firma, dort die Kollegin im Homeoffice, Brillen auf und dann – Guten Morgen allerseits! – trifft man in einem virtuellen Raum, in diesem Fall einem Uni-Büro, zusammen. Nicht im Bild, sondern als Avatare, Ersatzfiguren also. Gewöhnungsbedürftig ist das und faszinierend zugleich. Eine Spielerei, wie ein Teilnehmer des Presse-Rundgangs murmelt – vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. 

Apropos: Ein paar Meter weiter stellt Dipl.-Wirt. Inf. Christoph Kotthaus, ebenfalls von der heimischen Universität, die spielerische Betriebsdatenerfassung vor. In Zusammenarbeit mit Produktionsmitarbeitern wurde ein gamingartiges Programm gestaltet, um die Qualität der manuellen Betriebsdatenerfassung während des laufenden Prozesses zu verbessern. 

Dipl-Wirt.Inf. Christoph Kotthaus demonstriert die spielerische Betriebsdatenerfassung. 

Eine Maschinendatenerfassung sei für Auftragsfertiger mit 30, 40 Mitarbeitern eine große Investition, gibt Kotthaus zu bedenken. Stattdessen appellieren die Entwickler hier an den Spieltrieb der Mitarbeiter: Teams je Schicht bugsieren einen Vogel durch Hindernisse, indem sie ihr Tablet erstens rechtzeitig und zweitens vollständig mit den geforderten Betriebsdaten füttern. Klappt das nicht, findet der Vogel sein unsanftes Ende an einer Mauer. 

„Die Digitalisierung ist eine Riesen-Chance“

Andreas Fey hält das Ganze in einem Foto fest. Der Diplom-Kaufmann ist beim (auch) in Wittgenstein ansässigen Mittelständler Ejot federführend für das Thema Digitalisierung zuständig. Auch dort ersetzen Tablets mehr und mehr das Papier, wenn auch minus Vögel und minus Mauern. Fey weiß erstens: „Die IT-Welt ist neu“, und zweitens: „Die Digitalisierung ist eine Riesen-Chance“. Wurden die Maschinen früher per Hand modifiziert, geschieht das heute mittels Daten, dadurch würden neue Dimensionen in Geschwindigkeit und Genauigkeit erreicht, schwärmt der Fachmann. Im Kontakt mit dem Kunden wiederum geht es darum, das Knowhow des Unternehmens zu übertragen, vom telefonischen Kontakt auf eine Online-Plattform, als Seminar etwa. 

Das ist das eine: Prozesse optimieren. Doch Digitalisierung bedeute eben auch, neue Geschäftsmodelle zu generieren – „das ist die Königsdisziplin!“, unterstreicht Dr. Robert Zores. Der Geschäftsführer REWE Digital und sein Team stellen sich tagtäglich der Frage: Was will der Kunde als Endverbraucher? Zores ist einer der Hauptredner der Tagung, sein Thema lautet „Wie man die Digitalisierung eines Handelsunternehmens vorantreibt“. Ja, wie denn? Indem man sich zunächst mit den Zielgruppen auseinandersetzt und so einen Querschnitt der Bevölkerung erhält. 

„Einkaufen ist nicht sexy“

Was zum Beispiel brauchen Senioren, was wünschen sich junge Familien? Beide Parteien wollen per Mausklick einkaufen, ihre Ware frei Haus: Von den Älteren könnte entgegen anders lautenden Gerüchten „ganz viele“ mit dem Internet umgehen, so Zores, und für die Jüngeren sei der Einkauf schlicht „nicht sexy“. Teil seiner Jobbeschreibung  und der seiner Mitarbeiter ist es, alle möglichen Wege zu finden, den Kunden vom Sofa oder dem Strand aus shoppen zu lassen, per App, per Voice, per virtuellem Assistenten und so weiter. 

Nun ist REWE ein Tanker mit 380.000 Mitarbeitern an Bord, „es dauert, bis wir da alle mitgenommen haben“, bekennt Zores. Trotzdem: Sein Unternehmen hat die Zeichen der Zeit erkannt. Doch generell täten sich deutsche Firmen mit dem Thema eher schwer. Zores warnt: „Die Digitalisierung auszusitzen, das halte ich für keine gute Idee.“ 

Wirtschaftsinformatik drittbeliebtester Studiengang in Siegen

Dass nun ausgerechnet das industriell geprägte Siegerland Gastgeber einer Digital-Tagung ist – der größten deutschsprachigen auf diesem Gebiet wohlgemerkt – sei eine „besondere Ehre für die Region“, freut sich Jun.-Prof. Dr. Thomas Ludwig vom Lehrstuhl für Cyber-Physische Systeme an der Uni Siegen. Gemeinsam mit Prof. Dr. Volkmar Pipek ist er federführend für die Organisation der Tagung verantwortlich. Andreas Fey äußerte  die Hoffnung, hier auch das eine oder andere Talent der Branche ins Wittgensteiner Land locken zu können, Prof. Dr. Ludwig nickt: Natürlich gehe es auch um Recruiting in diesem aufstrebenden Feld. 

Nach BWL und Wirtschaftsrecht nimmt die Wirtschaftsinformatik an der Uni Siegen mit derzeit 500 Studierenden den dritten Platz ein. „Wir sehen uns als Durchlauferhitzer für die Industrie“, lächelt Ludwig. Zumal sich deren Gehälter zumeist auch anders gestalten als das Doktorandensalär an einer Hochschule. 

Was nun den schwebenden Stift betrifft und dieses Gitter, das einer Warnung gleich grellgrün leuchtend vom virtuellen Boden bis zur Decke wächst: wirklich sehr interessant, diese erweiterte Realität, in der man doch zunächst etwas hilflos umhertappt. Aber die herkömmliche – so von Kollege zu Kollege in einem echten Büro – tut es durchaus erst einmal noch.

„Berührungsängste nehmen“

  • Für die 14. Internationale Tagung Wirtschaftsinformatik gab es 764 Anmeldungen von Wissenschaftlern, Praktikern und Studierenden, so viele wie nie zuvor. 
  • 98 Prozent der Teilnehmer kommen aus dem deutschsprachigen Raum, aus u.a. Skandinavien und Osteuropa sind ebenfalls welche dabei.
  •  Die Kosten der Veranstaltung liegen bei rund 150.000 Euro, die die Uni Siegen als Organisator auch mithilfe zahlreicher Sponsoren stemmt, darunter Ejot, dokuworks und das Zentrum für Digitalisierung der Wirtschaft (ZDW) Südwestfalen.
  • Dessen Vertreter Dr. Christian Stoffers: „Wir wollen Berührungsängste nehmen. Eine Konferenz wie diese bietet die Möglichkeit, hineinzuschnuppern.“ Das ZDW verstehe sich als „Katalysator“ vor allem für kleinere Unternehmen und stelle die Verbindung zu Hochschulen her.

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