Koordinierungsgruppe tagte gemeinsam mit Ministerin Heinen-Esser  

Übergangslösung: Wisent-Projekt soll in neu abgegrenztem Gebiet fortgesetzt werden

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Siegen/Bad Berleburg. Die rund 20 Wisente im Rothaargebirge werden sich räumlich stark verkleinern müssen: Von 4500 Hektar wird ihr Gebiet künftig auf 1500 Hektar eingegrenzt. Übergangsweise, wie es heißt, um bis zu einer endgültigen Lösung zunächst Ruhe hineinzubringen in einen seit Jahren währenden (Rechts-)Streit. Wie genau die angedachte „Einfassung des Gebietes“ aussieht, muss offenbar noch konkretisiert werden. Fakt ist aber: Es wird eine geben. 

Bislang hatte man genau das unter allen Umständen vermeiden wollen, versucht, das Problem anders, beispielsweise über Lenkungsfütterungen, in den Griff zu bekommen. Denn natürlich hatten sich die Tiere niemals an die im öffentlich-rechtlichen Vertrag festgeschriebenen 4500 Hektar gehalten, innerhalb derer sie sich bewegen durften.  Zum großen Verdruss einiger Waldbauern im Kreis Olpe: Die Rinde von deren Buchen gehört zur erklärten Leibspeise der Wisente. Auch Zahlungen aus einem Entschädigungsfonds hatten den Zorn nicht mildern können, man traf sich wiederholt mit dem Trägerverein vor Gericht. 

In einer am Mittwoch (27. März) stattgefundenen Sitzung im Beisein von Ministerin Ursula Heinen-Esser in Siegen kamen nun die Beteiligten im jahrelangen Wisent-Streit zu besagter Übergangslösung, die eine neue Abgrenzung des Gebietes vorsieht, in dem die etwa 20 Tiere sich bewegen. Flächenmäßig stärker als zuvor betroffen ist künftig der Landesbetrieb Wald und Holz Nordrhein-Westfalen. Sowohl der Rothaarsteig als auch der Waldskulpturenweg sollen durch das neu abgesteckte Projektgebiet verlaufen. 

Mitwirkende in der Koordinierungsgruppe (v.l.) Heinrich Barkmeyer (Wald u. Holz NRW), Bürgermeister Fuhrmann (Trägerverein), Landrat Dr. Schneider (HSK), Ministerin Heinen-Esser, Jochen König (Wittgenstein-Berleburg’sche Rentkammer), Landrat Müller (SI), Landrat Beckehoff (OE), Freiherr Heeremann (WBV NRW).

In einer gemeinsamen Presseinformation skizzieren das Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz, die Kreise Siegen-Wittgenstein, Olpe und der Hochsauerlandkreis, der Verein Wisent-Welt-Wittgenstein e.V., die Wittgenstein-Berleburg’sche Rentkammer und des Waldbauernverbandes NRW nun die Übergangslösung: 

Die seit dem Jahr 2013 laufende Freisetzungsphase im Artenschutzprojekt zur Auswilderung von Wisenten im Rothaargebirge soll für die nächsten drei bis fünf Jahre in einem neu abgegrenztem Projektgebiet im Hochsauerlandkreis und im Kreis Siegen-Wittgenstein fortgesetzt werden.  

Eingebracht hatte den Vorschlag die Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen, Ursula Heinen-Esser, die sich, wie bei der Jahresbilanzpressekonferenz des Trägervereins angekündigt worden war, eingeschaltet hatte. Es war das Ergebnis verschiedener Vorabstimmungen, das auf umfassende Zustimmung stieß und dessen Umsetzung in den nächsten Wochen durch die beteiligten Behörden und Dienststellen des Landes und der beteiligten Kreise unter Einbeziehung des Trägervereins vorbereitet werden soll.

„Große Kompromissbereitschaft“

Auch die Landräte des Hochsauerlandkreises, Dr. Karl Schneider, und des Kreises Olpe, Frank Beckehoff, stimmten dieser Lösung für eine notwendige Übergangsphase ausdrücklich zu. „Überhaupt war das Treffen gekennzeichnet durch eine große Kompromissbereitschaft aller Beteiligten, gemeinsam eine Übergangslösung zur Befriedung der aktuellen Situation zu finden“, heißt es. 

Durch übermäßig viel Kompromissbereitschaft hatte sich der Disput in der Vergangenheit nicht ausgezeichnet: Bis vor den Bundesgerichtshof war der Streit zwischen Waldbauern und Trägerverein getragen worden, zuletzt hatten die Forstwirte allerdings vor dem Verwaltungsgericht in Arnsberg eine Niederlage kassiert. 

Konkret hat nun Ministerin Heinen-Esser angeboten und vorgeschlagen, das Projektgebiet zukünftig im Wesentlichen auf im Eigentum des Landes Nordrhein-Westfalen liegende Staatswaldflächen zu verlagern. Im Kreis Siegen-Wittgenstein sollen zukünftig Flächen in einem Bereich zwischen Rothaarkamm und dem zu Beginn des Projektes eingerichteten Auswilderungsgeheges in der Nähe des Forsthauses Homrighausen zwischen Bad Berleburg und Kühhude begrenzt werden. Dabei handelt es sich ausschließlich um Flächen im Eigentum der Wittgenstein-Berleburg’schen Rentkammer, die diesen Lösungsansatz positiv begleitet.

Rothaarsteig und Waldskulpturenweg im Projektgebiet

Das gesamte Projektgebiet würde künftig eine Fläche von rund 1.500 Hektar umfassen. Daneben sollen die Wisente mit „geeigneten Maßnahmen“ dazu gebracht werden, ihr Streifgebiet zukünftig auf das neue Projektgebiet zu beschränken. Dazu gehören zum Beispiel eine Verstärkung von Lenkungsfütterungen, insbesondere aber eine für andere Wildarten durchlässige „Einfassung des Gebietes“, dessen Freizeit- und Erholungswert nicht verloren gehen soll. Die Führung der Wander- und Erholungswege, die durch das zukünftige Projektgebiet führen und zu denen unter anderem auch der Rothaarsteig und der Waldskulpturenweg gehört, soll nicht verändert werden. Es solle ganz bewusst erreicht werden, dass das Artenschutzprojekt neben der Wisent-Wildnis am Rothaarsteig für Naturliebhaber auch hier erlebbar bleibe.

Die Koordinierungsgruppe will damit eine Befriedung der schon seit langem andauernden Konflikte rund um das Projekt erreichen. In der Sitzung haben sowohl der Trägerverein mit seinem Vorsitzenden Bernd Fuhrmann an der Spitze und die betroffenen Waldbauern, für die unter anderem Philipp Freiherr Heeremann als Landesvorsitzender des Waldbauernverbandes teilnahmen, der  angedachten Übergangslösung zugestimmt und als guten Ansatz bewertet, um die nächsten Schritte im Artenschutzprojekt in Ruhe und mit aller Ausgewogenheit und Offenheit prüfen und vorbereiten zu können.

Unabhängiges Gutachten nach wie vor angestrebt

Als Grundlage für die langfristigen Planungen und Entscheidungen will die Koordinierungsgruppe weiterhin das mit dem Umwelt- und Landwirtschaftsministerium bereits im vergangenen Jahr verabredete unabhängige Gutachten zu den bisherigen Erkenntnissen der Freisetzungsphase erarbeiten lassen, um dann über die Zukunft des Projektes entscheiden zu können.

Es sei wichtig, mit der jetzt angestrebten Übergangslösung die für die Erarbeitung eines ausgewogenen und alle Aspekte berücksichtigenden Gutachtens notwendige Zeit und Ruhe gewinnen zu können, betonten Ministerin Heinen-Esser und Landrat Müller und appellierten an alle Beteiligten, diese neue Phase der Beruhigung auch zu leben und alle Möglichkeiten zu nutzen, die Zukunft des Artenschutzprojektes gemeinsam zum Erfolg zu führen.

Das Ministerium und der dann zukünftig flächenmäßig stark betroffene Landesbetrieb Wald und Holz Nordrhein-Westfalen, der unter anderem mit seinem stellvertretenden Leiter Heinrich Barkmeyer vertreten war, sicherten ebenso wie die betroffenen Kreise zu, alles daran zu setzen, die Übergangslösung noch in 2019 Wirklichkeit werden zu lassen.

Das in der Koordinierungsgruppe ebenfalls vertretene Bundesamt für Naturschutz und  der Trägerverein betonten die besondere Bedeutung des für den Artenschutz in Europa beispielhaften Projektes, aber auch die artenschutzrechtlichen Aspekte und Konflikte, die in dem anstehenden Gutachten abzuarbeiten wären. Die jetzt anstehende Übergangsphase in einem deutlich verkleinerten, der Größe der Herde aber noch angemessenen Projektgebiet sei nur vertretbar, wenn alle Beteiligten zu gegebener Zeit die Ergebnisse des Gutachtens unvoreingenommen bewerten und dann entscheiden würden.

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