"Medizin neu denken" vor dem Aus? Wissenschaftsrat empfiehlt: Land NRW soll das Projekt nicht weiter verfolgen

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Das Modellprojekt ist aus Sicht des Wissenschaftrates, nicht ausgereift. 

Düsseldorf/Siegen. Gemeinsam mit dem Wissenschaftsrat hat Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen heute (28. Oktober) in Düsseldorf das von ihr beauftragte Gutachten des Wissenschaftsrats zur Situation der Hochschulmedizin in Nordrhein-Westfalen vorgestellt.

Zentrales Ergebnis der Analyse: Der Wissenschaftsrat sieht die Medizinischen Fakultäten und Universitätskliniken im Land gut aufgestellt für die Zukunft. Neben den bestehenden Standorten haben die Gutachter auch das Siegener Modellprojekt „Medizin neu denken“ betrachtet. 

In der Stellungnahme heißt es: "In der Gesamtbetrachtung der Herausforderungen, die das Land in der Universitätsmedizin zu bewältigen hat, fordert der Wissenschaftsrat das Land auf, von dem Modellprojekt ,Medizin neu denken' der Universitäten Bonn und Siegen aufgrund erheblicher Mängel Abstand zu nehmen: Gravierende Planungsdefizite inhaltlicher, organisatorischer, personeller, infrastruktureller und finanzieller Natur stehen seiner Realisierung entgegen. Insbesondere für die Durchführung klinischer Lehre im Kooperationsstudiengang durch die Siegener Klinikpartner fehlen die Voraussetzungen für einen sachgemäßen und qualitätsgesicherten Lehrbetrieb: Der Wissenschaftsrat sieht die grundlegenden Voraussetzungen für die Aufnahme einer klinischen Ausbildung in den Siegener Kliniken nicht erfüllt. Das Vorhaben ist zudem finanziell nicht tragfähig."

"Es herrscht Unstimmigkeit unter den Klinikpartnern"

Das Modellprojekt ist aus Sicht des Wissenschaftrates, nicht ausgereift. Sowohl die inhaltlichen Konzepte der einzelnen Säulen als auch das Gesamtkonzept seien wenig überzeugend und weisen in zahlreichen Punkten nicht den eigentlich zu erwartenden Konkretisierungsgrad auf. Der Wissenschaftsrat vermisst trotz erster konkreter Kooperationen wie beispielsweise in der Lehre eine über die drei Projektsäulen hinweg abgestimmte Strategie, Umsetzungsplanung und eine gemeinsame Zielvorstellung der Projektpartner. "In der Folge stehen die einzelnen Projektsäulen weitgehend unverbunden nebeneinander und sind nicht ausreichend miteinander verzahnt." Darüber hinaus ist es die Wahrnehmung des Wissenschaftsrats, dass die mangelnde Integration auch auf ein bei den Projektpartnern in Bonn und Siegen nicht in gleichem Maße ausgeprägtes Engagement für das Modellprojekt zurückgeführt werden könne.

Im Oktober letzten Jahres hat eine Bewertungsgruppe des Wissenschaftsrates Siegen besucht und sich selbst ein Bild gemacht: "Es herrscht Unstimmigkeit unter den Klinikpartnern über die Ausgestaltung und Aufgaben einer Stiftung der Siegener Kliniken und der Universität Siegen", heißt es in der Stellungnahme weiter. Das Grundproblem der unterschiedlichen Trägerschaft sei gravierend und bedinge einen hohen Aufwand für alle Beteiligten. Außerdem: "Die Siegener Kliniken verfügen nicht ansatzweise über ausreichendes habilitiertes und sonstiges wissenschaftliches Personal in dem für die Übernahme wissenschaftlicher Aufgaben (Lehre, Forschung) im universitäts-medizinischen Kontext erforderlichen Umfang. Auch der geplante Aufbau wissenschaftlich-ärztlichen Personals an den Kliniken würde aus Sicht des Wissenschaftsrats nicht ausreichen".

Zugesicherten Mittel reichen nicht aus 

"Die vom Land zugesicherten Mittel (6,5 Millionen Euro pro Jahr) decken die Ressourcenbedarfe hinsichtlich des Personals und der Infrastrukturen für Forschung und Lehre für den Kooperationsstudiengang nicht und werden größtenteils für Zusatzkosten in Bonn verausgabt", meint der Wissenschaftsrat.  Trotz der begrü-ßenswerten Zusage der Siegener Kliniken, fünf klinische Professuren zu finanzieren, könne unter diesen Bedingungen ein adäquater Personal- und Strukturaufbau in Siegen nicht gelingen, zumal Investitionen in Infrastrukturen für Lehre und Forschung an den Kliniken nicht berücksichtigt wurden.

Studierende sollen nicht nach Siegen kommen und ihr Studium in Bonn beenden 

Die genannten "erheblichen" Mängel am Konzept des Modellprojekts wiegen im Fall des Kooperationsstudiengangs besonders schwer, da die ersten Studierenden aus Bonn im Wintersemester 2021/22 nach Siegen kommen sollten. Aufgrund der gravierenden Defizite des Kooperationsstudiengangs sieht der Wissenschaftsrat die grundlegenden Voraussetzungen für die Aufnahme eines Medizinstudiums, das qualitativen Mindestanforderungen für eine klinische Ausbildung in den Siegener Kliniken nicht gewährleistet. "Die Studierenden, die bereits ihr Studium im Kooperationsstudiengang aufgenommen haben, müssen den klinischen Studienabschnitt in Bonn absolvieren und dort ihr Studium abschließen", empfiehlt der Wissenschaftsrat. 

Aus Sicht des Wissenschaftsrates solle das Modellprojekt „Medizin neu denken“ nicht weiterverfolgt werden. Das Land sollte vielmehr gemeinsam mit den beteiligten Universitäten Bonn und Siegen prüfen, ob Ziele des Modellprojekts – wie z. B. die Entwicklung gemeinsamer Forschungsprojekte der Universitäten Bonn und Siegen aus den Bereichen Versorgungsforschung und Digitalisierung sowie die Steigerung der Sichtbarkeit des ländlichen Raums als attraktiver Ort der Berufsausübung – auch erreicht werden können, indem die Siegener Kliniken als erweiterte Lehrkrankenhäuser aufgebaut werden.

So haben die Projektpartner auf das Gutachten des Wissenschaftsrates reagiert

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