Kritik aus Deutschland

Bundesbank warnt: Treffen Strafzinsen bald mehr Bankkunden in Deutschland?

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EZB-Chef Mario Draghi und seine designierte Nachfolgerin Christine Lagarde.

Die Europäische Zentralbank will sich mit Macht gegen eine Rezession stemmen. Für Bankkunden könnte das allerdings unangenehme Konsequenzen haben.

Update vom 23. September 2019:

Das Zinstief wird zur Dauerbelastung für Deutschlands Banken und Sparkassen - und könnte bald auch zu Lasten von mehr Kunden gehen. Ein weiterer Rückgang der Gewinne der Institute in den nächsten Jahren sei „sehr wahrscheinlich“, stellten die Finanzaufsicht Bafin und die Deutsche Bundesbank am Montag fest.

„Banken ziehen in ihren Planrechnungen vermehrt auch eine mögliche Weitergabe negativer Zinsen an Kunden in Betracht“, erklärte Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling in Frankfurt. Bislang trifft dies vor allem Geschäftskunden und vermögende Privatkunden.

Geschäftsbanken müssen inzwischen 0,5 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie überschüssige Gelder bei der Europäischen Zentralbank (EZB) parken. Obwohl die EZB einen Teil der Gelder über Freibeträge vom Strafzins verschont, bleibt dies eine Milliardenbelastung. Die Wende hin zu steigenden Zinsen hat die EZB auf unbestimmte Zeit verschoben.

Deutschlands Bankenaufseher befragten von April bis Anfang Juni 1412 Banken und Sparkassen zu Ertragskraft und Widerstandsfähigkeit im Niedrigzinsumfeld - all jene, die direkt von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) und Bundesbank beaufsichtigt werden. Das sind 89 Prozent der deutschen Kreditinstitute, gemessen an der Bilanzsumme stehen sie für 38 Prozent des deutschen Marktes.

Die Institute mussten beantworten, wie ihre Pläne und Prognosen auf fünf Zinsszenarien für den Zeitraum 2019 bis 2023 reagieren würden. In einem Stresstest simulierten sie zudem ihre Ertragslage für 2019 bis 2021 - unter anderem bei erheblicher Wirtschaftseintrübung. Im Durchschnitt seien die deutschen Institute „auch im Stressfall solide kapitalisiert“, sagte der oberste Bankenaufseher der Bafin, Raimund Röseler.

Update vom 16. September 2019: Finanzminister Olaf Scholz hat seine Strategie erklärt, um deutsche Sparer vor Negativzinsen zu schützen: Er richtet einen Appell an die Banken - und „hofft“ nun.

EZB versucht alles: Strafzinsen für Banken steigen weiter - bittere Folgen für Kunden?

Frankfurt am Main - Die Europäische Zentralbank (EZB) senkt zur Ankurbelung der Konjunktur den Einlagezins für Banken von minus 0,4 auf minus 0,5 Prozent ab. Die beiden anderen Leitzinssätze bleiben unverändert, wie eine Sprecherin am Donnerstag in Frankfurt am Main sagte. Die Zentralbank nimmt zudem ab Anfang November ihre milliardenschweren Anleihekäufe wieder auf.

Um die Inflation in der Eurozone näher an das angestrebte EZB-Ziel von knapp unter zwei Prozent zu bringen, weitet die Zentralbank ihre ultralockere Geldpolitik damit wie erwartet weiter aus. Der zentrale Leitzins von 0,0 Prozent bleibt unverändert. Bei kurzfristigen Kapitalspritzen und sogenannten Übernachtkrediten werden ebenfalls wie bisher 0,25 Prozent Zinsen fällig.

Zinsen: EZB senkt Einlagezins für Banken ab - Ziele noch in weiter Ferne

Dass die Notenbank erneut nachlegen würde, war erwartet worden. Angesichts der weltweiten Konjunkturabkühlung und der Schwäche des Welthandels seien „signifikante geldpolitische Impulse“ notwendig, hatte Draghi nach der Sitzung des EZB-Rates vor sieben Wochen gesagt.

Mittelfristig strebt die EZB für den Euroraum eine Teuerungsrate von knapp unter 2,0 Prozent an. Das ist weit genug entfernt von der Nullmarke. Denn dauerhaft niedrige Preise gelten als Risiko für die Konjunktur: Unternehmen und Verbraucher könnten dann Investitionen aufschieben - in der Hoffnung, dass es bald noch billiger wird.

Das Zwei-Prozent-Ziel der EZB ist jedoch in weite Ferne gerückt: Im August verharrte die Inflation in den 19 Ländern mit der Gemeinschaftswährung bei 1,0 Prozent und damit auf dem tiefsten Stand seit mehr als zweieinhalb Jahren.

EZB: Einlagezins seit 2014 negativ

Der Zins für Einlagen bei der Notenbank ist seit 2014 negativ. Mit der weiteren Absenkung wird es für Banken nun noch teurer, Geld bei der EZB einzulagern. Das soll sie animieren, das Geld für die Kreditvergabe an Unternehmen und Privatkunden auszugeben, um so letztlich die Wirtschaft zu beflügeln.

Zusätzlich will die EZB ab dem 1. November wieder Anleihen für bis zu 20 Milliarden Euro im Monat kaufen. Ende 2018 hatte sie ihr früheres Anleihekaufprogramm eingestellt. Die Zentralbank will "so lange wie nötig" an ihrem Programm zur Entlastung der Wirtschaft festhalten, erklärte die EZB-Sprecherin.

Zinspolitik der EZB: Mit Lagarde keine Veränderung erwartet - Sparer schauen in die Röhre

An der expansiven Ausrichtung der Geldpolitik wird sich aller Voraussicht nach so schnell nichts ändern: Draghis designierte Nachfolgerin an der EZB-Spitze, die Französin Christine Lagarde, hat bereits deutlich gemacht, dass sie eine sehr lockere Geldpolitik für absehbare Zeit für nötig hält. Die bisherige Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) sagte aber auch: „Wir müssen die negativen Folgen und Nebeneffekte im Blick behalten.“

Sparer müssen sich auf jeden Fall weiterhin gedulden, ehe es wieder höhere Sparzinsen gibt - trotz anderslautender Forderungen aus der deutschen Politik. Womöglich geben Banken zudem die Kosten für die EZB-Strafzinsen künftig an einen größeren Kundenkreis weiter.

Wirtschaftsexperten sowie die deutschen Banken und Sparkassen haben die geldpolitischen Entscheidungen der Europäischen Zentralbank (EZB) scharf kritisiert. Der ZEW-Finanzexperte Friedrich Heinemann erklärte am Donnerstag, das beschlossene Paket gehe "weit über das Vertretbare hinaus". Es sei beklagenswert, dass sich die Kritiker weiterer Anleihekäufe im EZB-Rat nicht gegen Präsident Mario Draghi und sein Umfeld hätten durchsetzen können.

Der EZB-Rat sende mit der Wiederaufnahme der Anleihekäufe zum jetzigen Zeitpunkt ein "gefährliches Signal" an andere Euroländer, bemängelte Heinemann. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) erklärte, die EZB nutze Instrumente, die "Krisensituationen vorbehalten sein sollten". Eine Krise liege derzeit aber weder wirtschaftlich noch politisch vor. Stattdessen würden Anreize für Sparer, für das Alter vorzusorgen, "schwer beschädigt", kritisierte der GDV.

AFP/dpa/fn

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